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Wo morgens um 7 Uhr die Büros wackeln

Die Ursachen des Bebens gestern in Bergheim liegen auf der Hand, doch der Energiekonzern RWE bezeichnet sie als „Spekulation“
Von Marlon Gego
Bergheim/Aachen. Als Patrik Klameth gestern Morgen sein Büro im Bergheimer Kreishaus aufschloss, bebte unter ihm die Erde. Er spürte einen Stoß, einen Ruck, ein Wackeln, Klameth wusste hinterher selbst nicht richtig, wie er es beschreiben sollte. Er erschrak nicht übermäßig, aber ihm war klar, dass etwas nicht stimmte. Nur was? Zwei Kolleginnen sagten ihm später, sie hätten Angst gehabt. Ihr Büro habe sekundenlang gewackelt, aber was es war, das sie da durchgeschüttelt hat, das wussten auch sie nicht.
Im Nordwesten der Stadt Bergheim hat es gestern Morgen um 7 Uhr ein Erdbeben gegeben, die Erdbebenstation der Universität Köln in Bensberg stellte eine Stärke von 2,4 auf der Richterskala fest. Keine spektakuläre Stärke, aber eben doch stark genug, dass viele Menschen im Rhein-Erft-Kreis spürten, wie die Erde bebte. Patrik Klameth, Sprecher des Rhein-Erft-Kreises, erklärte gestern Nachmittag erleichtert, dass niemand verletzt und nichts ernstlich beschädigt wurde. Glück gehabt.
Zwei Experten, eine Meinung
Der Leiter der Bensberger Erdbebenstation, Klaus-Günter Hinzen, ist überzeugt davon, dass die Ursache des Erdbebens nicht etwa eine tektonische Verschiebung sei, sondern dass sie im Zusammenhang mit dem Braunkohleabbau im Rheinischen Revier stehe, wie er gestern im Gespräch mit unserer Zeitung sagte. Der Energiekonzern RWE, der die Tagebaue im Revier betreibt, bezeichnete dies auf Anfrage unserer Zeitung als „Spekulation“. Um die Ursache bestimmen zu können, müssten erst alle Fakten ausgewertet werden.
Doch Klaus-Günter Hinzen, Professor für Geologie, sagte gestern, das Epizentrum des Bebens habe in ein, höchstens zwei Kilometern Tiefe gelegen. Wäre eine tektonische Verschiebung der Auslöser des Bebens gewesen, hätte das Epizentrum erheblich tiefer liegen müssen, dann wäre es an der Erdoberfläche aber nicht oder kaum mehr spürbar gewesen. Der Geologische Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen schloss sich gestern Hinzens Auffassung an.
Ein weiteres Indiz, das Hinzens Annahme erhärtet: Das Epizentrum lag am westlichen Rand des früheren, ebenfalls von RWE betriebenen Tagebaus Bergheim, ganz in der Nähe des Kraftwerks Niederaußem. Der Tagebau Bergheim wurde 2002 stillgelegt und ist inzwischen wieder mit Abraum aus dem Tagebau Hambach verfüllt und rekultiviert worden. Hinzen hält es für möglich, dass ein Ansteigen des Grundwassers das Erdbeben ausgelöst haben könnte. „Das ist zu diesem Zeitpunkt aber tatsächlich Spekulation“, sagte Hinzen. Oder ist es doch mehr?
Ein Dutzend Erdbeben pro Jahr
Eine weitere Anfrage unserer Zeitung bei RWE ergab gestern Nachmittag, dass der Energiekonzern das Grundwasser im Gebiet des früheren Tagebaus Bergheim mit Hilfe von Pumpen kontrolliert. „Unsere Fachleute haben eine erste Sichtung der Grundwassersituation im Raum Bergheim vorgenommen, dabei keine Besonderheiten in der Entwicklung der Grundwasserstände ausgemacht“, teilte RWE-Sprecher Lothar Lambertz gestern mit. Allerdings räumte Lambertz ein, dass „die dort geförderten Mengen in den letzten Jahren rückläufig“ sind, es wird also weniger gepumpt. Nicht auszuschließen, dass dadurch das Grundwasser steigt, was wiederum für die Vermutung von Erdbebenstationsleiter Hinzen spräche.
Erdbeben sind in Braunkohleabbaurevieren keine Seltenheit. In den vergangenen drei Jahren habe es im Rheinischen Revier jährlich bis zu vier Erdbeben gegeben, in den Jahren davor seien es „etwa ein Dutzend pro Jahr“ gewesen, sagte Hinzen.
Allerdings habe keines dieser Beben eine Stärke von 1,0 überschritten, weswegen die Bewohner des Reviers nichts von den Beben mitbekommen hätten. Das letzte Beben, das ähnlich stark war wie das gestrige, habe es im Rheinischen Revier zuletzt in den 90er Jahren gegeben, sagte Hinzen. Das Beben in Bergheim lasse jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, dass künftig generell wieder vermehrt mit stärkeren Beben gerechnet werden müsse.

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