Freie und unabhängige Wählergemeinschaften in Aldenhoven, Inden, Jülich, Linnich, Merzenich, Titz, Vettweiß und Piratenpartei

Vom Schlot in die Nervenbahn

Studie zeigt, dass deutsche Kohlekraftwerke jährlich rund sieben Tonnen Quecksilber ausstoßen. Nur in wenigen europäischen Ländern ist die Belastung ähnlich hoch. Die Grünen sehen deshalb Handlungsbedarf.
Von Werner Kolhoff
Berlin/Düren. Kohlekraftwerke sind seit langem wegen ihres CO2-Ausstoßes in der Kritik und nach dem Willen der Bundesregierung deshalb eine auslaufende Technik. Allerdings erst mittelfristig. Mit einer Studie über den Quecksilberausstoß der Meiler wollen die Grünen diesen Prozess jetzt beschleunigen. Ihre Forderung: „Ein Konzept für den Kohleausstieg“, so Fraktionsvize Oliver Krischer (Düren).
Nach Daten, die das Hamburger „Institut für Ökologie und Politik“ im Auftrag der Grünen zusammengestellt hat und die unserer Zeitung vorliegen, werden in Deutschland jährlich zehn Tonnen Quecksilber ausgestoßen. 70 Prozent davon stammen aus Kohlekraftwerken, so viel, wie in 3,5 Millionen Energiesparlampen enthalten sind. Und davon kommt wiederum das meiste aus den Braunkohlekraftwerken.
Nur Polen und Griechenland erreichen in Europa noch ähnlich hohe Werte. Quecksilber ist ein Schwermetall, das sich im Gehirn und den Nervenbahnen ablagert und schwerste Behinderungen hervorrufen kann. Es reichert sich vor allem in Fisch an und wird über diesen in den Körper aufgenommen. In den 1950er Jahren erkrankten in der japanischen Küstenstadt Minamata tausende von Menschen schwer, es kam zu zahlreichen Missbildungen bei Neugeborenen. 2013 verabschiedete die UNO eine „Minamata-Konvention“, mit dem Ziel, den weltweiten Quecksilberausstoß drastisch zu reduzieren.
In Deutschland ist der Ausstoß seit Jahren konstant. Die Grünen verweisen nun auf die strengen amerikanischen Grenzwerte. Dort gilt seit letztem Jahr eine Begrenzung auf ein Mikrogramm Quecksilber je Kubikmeter Abgas. Nur eins der deutschen Braun- und Steinkohlekraftwerke, das inzwischen stillgelegte Kraftwerk Datteln, erfüllte laut der Studie im Jahr 2013 diesen Maßstab. Alle anderen lagen darüber. Das Braunkohlekraftwerk Schkopau sogar um den Faktor 20. Der Steinkohlemeiler Farge erreichte mit 18 Mikrogramm pro Kubikmeter einen ähnlichen Rekordwert. Insgesamt, so die Autoren, ließen sich bei Anwendung der US-Vorschriften auf alle großen Kohlekraftwerke 4,2 Tonnen des Gifts jährlich vermeiden, also fast die Hälfte des Gesamtausstoßes. Quecksilber lässt sich aus dem Rauchgas herausfiltern, allerdings ist das Verfahren aufwendig und teuer.
Die Bundesregierung will erst ab 2019 im Gefolge einer EU-Regelung die Grenzwerte für Kraftwerke senken; sie liegen dann aber immer noch um das 2,5- bis 6,7-fache über den US-Grenzwerten. Den Grünen ist das zu wenig. Es sei ein Armutszeugnis für die Bundesregierung, dass die USA, „wahrlich kein Hort des Umweltschutzes“, strengere Grenzwerte hätten, kritisierte Krischer. „Die Bundesregierung darf die gesundheitlichen Folgen der massiven Quecksilberemissionen nicht länger zu Gunsten der Kohleverstromung ignorieren.“
Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) sah jedoch keinen dringenden Handlungsbedarf. Sie verwies darauf, dass sich das Thema bald von selbst erledige. „Wenn wir unsere langfristigen Klimaziele einhalten wollen, müssen wir uns ohnehin von der Kohleenergie verabschieden.“
„Die Bundesregierung darf die gesundheitlichen Folgen der massiven Quecksilberemissionen nicht länger zu Gunsten der Kohleverstromung ignorieren.“
Oliver Krischer, Fraktionsvizeder Grünen im Bundestag

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *