Freie und unabhängige Wählergemeinschaften in Aldenhoven, Inden, Jülich, Linnich, Merzenich, Titz, Vettweiß und Piratenpartei

Vogelsang könnte zum finanziellen Desaster werden
Wo böse Gerüchte zur Realität werden

Di, 2. Dez. 2014
Dürener Nachrichten / Titel Dueren / Seite 1
Vogelsang könnte zum finanziellen Desaster werden
Wo böse Gerüchte zur Realität werden

vogelsang

Schleiden. Auf Vogelsang im Nationalpark Eifel fehlen 3 Millionen Euro. Manfred Poth, Aufsichtsratsvorsitzender der Vogelsang GmbH, erklärte gestern gegenüber den „Nachrichten“, dies sei kürzlich nach „einem Kassensturz“ aufgefallen. Damit droht der Umbau der ehemaligen NS-Ordensburg zum finanziellen Desaster zu werden. Die Verantwortlichen suchen nun nach Lösungen, denn wenn die Bauarbeiten nicht bis Ende Juni beendet sind, wird das Problem noch größer. (an) ▶ Region & NRW

Wo böse Gerüchte zur Realität werden

Die Bauarbeiten auf Vogelsang im Nationalpark Eifel werden immer teurer. Das Projekt steht kurz davor, zum Desaster zu werden.

Von Marlon Gego

Schleiden. Die Sanierung der ehemaligen NS-Ordensburg Vogelsang im Nationalpark Eifel droht zum finanziellen Desaster zu werden, die Grünen im Kreis Euskirchen stellen bereits Vergleiche mit dem Flughafen BER an, einem der größten Milliardengräber in der Baugeschichte der Bundesrepublik. Der Vergleich ist zwar übertrieben, doch immerhin: Seit 2012 wird Vogelsang für 42 Millionen Euro um- und ausgebaut, und im Laufe der Jahre hat das Geld für immer weniger der geplanten Bauarbeiten gereicht. Ein Projekt nach dem anderen musste gestrichen werden, mit den 42 Millionen ließ sich erheblich weniger realisieren als ursprünglich geplant. Und seit vergangener Woche steht nun fest: Selbst für das arg geschrumpfte Bauprogramm werden die 42 Millionen Euro nicht mehr ausreichen.

Die ehemalige Ordensburg, auf der Hitlers NSDAP ihren Führungsnachwuchs ausbilden wollte, hat es der Gegenwart nie einfach gemacht, mit ihr und ihren Altlasten umzugehen. Nach dem Krieg diente Vogelsang erst den Briten, dann den Belgiern als Truppenübungsplatz und Kaserne, Tausende Panzergranaten flogen durch die Nordeifel, Wald und Wiesen um Vogelsang herum waren übersät mit Munition. Nachdem die Belgier 2004 Vogelsang verlassen hatten und zwei Jahre später alle Munitionsreste entsorgt waren, entbrannte ein Streit darüber, was mit einem solch historisch belasteten Ort geschehen solle. Ein Ort, dessen geistige Altlasten sich nicht so leicht entsorgen lassen wie die Munitionsreste.

Der Kassensturz

Schließlich einigten sich Bundes-, Landes- und kommunale Politik darauf, den Ort als Mahnmal zu erhalten und seine Geschichte zu dokumentieren. Das Konzept ging einigermaßen auf, seit dem 1. Januar 2006 besuchten mehr als eine Million Menschen die Burg über dem Urftsee. Doch besonders der Kreis Euskirchen hat Vogelsang auch immer als Renommierprojekt begriffen, mit dem die Kommunalpolitik vor allem touristische und wirtschaftliche Hoffnungen verband. Und für diese Hoffnungen war der Aus- und Umbau Vogelsangs zu einem vorzeigbaren NS-Dokumentationszentrum mit Ausstellungen und Tagungsräumen eine zentrale Voraussetzung.

Dass sich besonders die Euskirchener Politiker die Bauarbeiten schöngerechnet hätten, machte als Gerücht schon früh die Runde. Und je weiter die Wiedereröffnung Vogelsangs nach hinten geschoben wurde, desto mehr wurde das Gerücht zur Gewissheit. Zunächst war von einer Eröffnung im Herbst 2013 die Rede, dann im Frühjahr 2014. Als auch das nicht mehr reichte, wurde die Eröffnung klammheimlich aufs Frühjahr 2015 verschoben. Und gestern nun erklärte Vogelsang-Geschäftsführer Albert Moritz auf Anfrage unserer Zeitung, die Eröffnung sei für Juni 2015 geplant. In sieben Monaten. Ob dieser Termin zu halten ist, darf stark bezweifelt werden – zumal gar nicht klar ist, ob das Geld bis dahin reichen wird.

Ein Kassensturz, sagte Euskirchens stellvertretender Landrat Manfred Poth gestern auf Anfrage, habe kürzlich ergeben, dass im Etat „eine Unterdeckung in Höhe von drei Millionen Euro“ entstanden sei. „Wir haben uns auch gewundert“, sagte Poth. Bauverzögerungen, Brandschutzbestimmungen, Personalkostensteigerungen und, und, und. Und auf einmal haben drei Millionen gefehlt?

„Indiskutabel“ nannte dies Wolfgang Spelthahn (CDU) gestern auf Anfrage unserer Zeitung. Spelthahn ist Landrat des Kreises Düren, der zusammen mit den Kreisen Euskirchen und Heinsberg, der Städteregion Aachen, dem Landschaftsverband Rheinland, der Stadt Schleiden und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens Gesellschafter Vogelsangs ist. „Was uns irritiert“, sagte Spelthahn weiter, „ist die Plötzlichkeit des Geldbedarfs.“

Um das Bauprojekt nun zu Ende führen zu können, schlägt Vogelsang-Geschäftsführer Moritz vor, dass die sieben Gesellschafter 300 000 Euro aufbringen und weitere 2,7 Millionen Euro Fördergelder beim Land Nordrhein-Westfalen beantragt werden. Die Landesregierung, das sollte man vielleicht dazu sagen, weiß von diesem Plan noch überhaupt nichts.

Doch selbst wenn dieser Plan mit großem Glück irgendwie aufginge, gibt es auf Vogelsang noch ein ganz anderes Problem: Alle Bauarbeiten müssen bis Ende Juni 2015 beendet, dokumentiert und abgerechnet worden sein, sonst gibt es Probleme mit den bereits zugesagten 42 Millionen Euro, die aus verschiedenen Fördertöpfen kommen. Alles, was bis Ende Juni nicht gebaut und/oder abgerechnet ist, müssen die Vogelsang GmbH und ihre Gesellschafter selbst bezahlen. Angesichts der angespannten Haushaltssituationen eigentlich aller sieben Gesellschafter ein Schreckensszenario.

Dürens Landrat Wolfgang Spelthahn, gewiss kein Pessimist, hat seine Kreisverwaltung gestern beauftragt, ein sogenanntes Worst-Case-Szenario für Vogelsang zu erstellen. Spelthahn will wissen, welche Kosten auf den Kreis als Gesellschafter im schlimmsten Fall zukommen. Dieser Schritt weckt böse Ahnungen. Ob der Kreis Düren sich an 300 000 Euro beteiligen wird, die die Gesellschafter nach Ansicht von Vogelsang-Geschäftsführer Moritz aufbringen sollen, lässt er ausdrücklich offen. Auch Euskirchens Landrat Günter Rosenke (parteilos) erklärte gestern: „Die Gründe für die Mehrkosten über drei Millionen Euro sollen erst einmal gründlich abgeklopft werden. Überall ist vom Sparen die Rede, und diesen Sparwillen vermisse ich auf Vogelsang.“

„Ich bin nicht entspannt“

Inzwischen rächt sich, dass bei der Aufstellung der Baukosten kein Posten für unvorhergesehene Zusatzkosten eingerechnet wurde, im Bauetat gab es keinerlei Spielraum. Solche unvorhersehbaren Zusatzkosten werden bei derart alten Bauwerken wie Vogelsang üblicherweise mit 20 Prozent des Gesamtetats veranschlagt. Doch Albert Moritz sagte, ein solcher Posten sei nicht mit den Förderrichtlinien in Einklang zu bringen gewesen. Sollte dies tatsächlich stimmen, bedürfen diese Richtlinien dringend der Überarbeitung.

Hinter vorgehaltener Hand heißt es in der Eifel, die Vogelsang GmbH stehe vor der Insolvenz. Bislang ist dies ein Gerücht, ein entsprechender Insolvenzantrag ist bislang nicht eingereicht worden. Doch es wäre nicht das erste Gerücht, das sich auf Vogelsang bewahrheitet hätte. Moritz weist solche Gerüchte von sich. Trotzdem räumt er ein: „Das ist alles nicht schön, ich bin nicht entspannt.“ Noch im April hatte er im Gespräch mit unserer Zeitung gesagt: „Es besteht keinerlei Anlass zur Sorge.“

Großbaustelle: Was auf Vogelsang längst hätte entstehen sollen

Das Forum Vogelsang ist das zen­trale Bauvorhaben auf Vogelsang. Das Forum ist ein Besucherzentrum auf dem Adlerhof, das ganz neu gebaut wird, anliegende Gebäude werden von Grund auf saniert und modernisiert. Tagungsräume entstehen, ebenso eine neue Halle für ein Restaurant mit neuer Außenterrasse.

Das NS-Dokumentationszentrum entsteht unter der alten Wandelhalle. In der Dauerausstellung soll die ursprüngliche Bestimmung der früheren NS-Ordensburg, in der die NSDAP ihren Führungsnachwuchs weltanschaulich und militärisch ausbildete, dargestellt und eingeordnet werden.

Die Nationalpark-Ausstellung kommt in die Räume des bisherigen Besucherzentrums. Vogelsang ist zwar nicht Bestandteil des Nationalparks Eifel, liegt aber mittendrin. Auch sollte eigentlich die Nationalparkverwaltung in absehbarer Zeit auf das Vogelsang-Gelände ziehen – wonach es derzeit nicht aussieht.

„Überall ist vom Sparen die Rede, und diesen Sparwillen vermisse ich auf Vogelsang.“

Günter Rosenke , Landrat des Kreises Euskirchen

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *