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Umstrittener Reaktor vom Netz_Tihange und Doel: Bedrohung oder Panikmache?

Weitere Zwischenfälle in belgischen Atomkraftwerken: Auf den Brand in Tihange 1 folgt ein Defekt im Rissmeiler Doel 3. Die Bundesregierung zeigt sich weiterhin alarmiert. Betreiber Electrabel beschwichtigt.
Von Madeleine Gullert
Antwerpen/Lüttich. Schon wieder ein Vorfall in einem belgischen Atomkraftwerk: Der Rissreaktor Doel 3 bei Antwerpen ist seit dem ersten Weihnachtstag abgeschaltet. Gegen 1 Uhr sei im nicht-nuklearen Bereich des Meilers an einer Heißwasserleitung Wasser ausgetreten, wie Geetha Keyaert, Sprecherin des Betreibers Electrabel, unserer Zeitung auf Anfrage mitteilte. Es handele sich nur um ein kleines Leck an einer Schweißnaht, präzisierte Keyaert. Gestern seien die Reparaturen im Gange gewesen. Electrabel plant, Doel 3 heute wieder ans Netz zu bringen. Für die Sicherheit der Anlage, die Umwelt und Anwohner stelle der Defekt kein Gefahr dar.
Der Pannenmeiler, der etwa 150 Kilometer von Aachen entfernt liegt, war erst am vorigen Montag wieder hochgefahren worden, nachdem er wie der umstrittene Meiler Tihange 2 seit März 2014 wegen Tausender Haarrisse in der Reaktorhülle aus Sicherheitsgründen abgeschaltet gewesen war.
Eigentlich wollte Electrabel zum Jahresende die drei Meiler in Tihange bei Lüttich und die vier Meiler am Standort Doel in Betrieb haben. Doch die Vorfälle häufen sich. Zuletzt hatte es am 18. Dezember in Tihange 1 gebrannt. Den Grund dafür kenne man noch immer nicht, sagte Ke-yaert. Die Electrabel-Experten untersuchten dies zurzeit noch. Tihange 1, das schon 40 Jahre alt ist, ging dennoch am Samstag wieder ans Netz. Am Standort Tihange, der rund 60 Kilometer von Aachen und 90 Kilometer von Düren entfernt liegt, sind alle drei Blöcke in Betrieb.
Auch Doel 2 wurde an Heiligabend wieder angefahren. Die Laufzeit des 40 Jahre alten Meilers war im Oktober von der belgischen Regierung um zehn Jahre verlängert worden. Doel 1 soll an Silvester folgen.
Derweil geht die Diskussion in Deutschland um die Pannenmeiler weiter. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bezeichnete die Vorgänge in Belgien als „Flickschusterei“. Wie das Bundesumweltministerium unserer Zeitung bereits vor einiger Zeit gesagt hatte, bekräftigte Hendricks in einem Facebook-Eintrag ihre Sorge wegen der Rissreaktoren. Sie sei nicht sicher, „ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist“. Langsam aber sicher „sind die Dinger wohl besser außer Betrieb zu nehmen.“ Man wolle im Januar mit der belgischen Atomaufsicht FANC sprechen. Dann findet auf Einladung der Behörde ein Expertentreffen statt.
Betreiber Electrabel verstehe die Sorgen der Deutschen, sagte Sprecherin Keyaert. Sie betonte aber: „Unsere Kraftwerke gehören zu den sichersten auf der ganzen Welt.“ Jährlich investiere man 100 Millionen Euro in die Instandhaltung und die Sicherheit der beiden belgischen AKW. Die Kraftwerke würden strengen Kontrollen unterzogen. „Die nukleare Sicherheit hat für uns absolute Priorität.“ Die Medien würden viel über die Meiler berichten. Objektiv betrachtet aber häuften sich die Zwischenfälle nicht. „Verglichen mit anderen Ländern stehen wir sehr gut da.“  ▶ Die Seite drei
„Unsere Kraftwerke gehören zu den sichersten auf der ganzen Welt.“
Geetha Keyaert, Sprecherin des Energiekonzerns Electrabel


Die beiden belgischen Atomkraftwerke sorgen in Deutschland wieder einmal für Diskussionen. Wie ist der jüngste Zwischenfall in Doel einzuordnen?
Von Madeleine Gullert
und Ansgar Hase
Antwerpen/Lüttich. Die belgischen Atomkraftwerke Tihange und Doel werden in Deutschland zunehmend mit Sorge betrachtet. Jetzt musste erneut ein Reaktor, Doel 3, vom Netz genommen werden – nur vier Tage nach seiner Wiederinbetriebnahme. Wie gefährlich sind diese Zwischenfälle?
Was ist beim jüngsten Zwischenfall passiert?
In dem bei Antwerpen – 150 Kilometer von Aachen entfernt – gelegenen Atommeiler Doel 3 gab es ein Wasserleck in einem Generator. Am ersten Weihnachtstag sei gegen 1 Uhr im nicht-nuklearen Bereich des Meilers an einer Heißwasserleitung Wasser ausgetreten, wie Geetha Keyaert, Sprecherin des Betreibers Electrabel, unserer Zeitung auf Anfrage mitteilte. Es handele sich nur um ein kleines Leck an einer Schweißnaht, präzisierte sie. Um den Schaden reparieren zu können, musste die Anlage in der Nacht zum 1. Weihnachtstag vom Netz genommen worden. Heute wolle man Doel 3 wieder anfahren. „Das kann sich aber immer verschieben“, sagte Keyaert.
Bestand Gefahr für die Sicherheit des Reaktors und die Umwelt?
Die Betreiberfirma Electrabel beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Es habe weder Gefahr für Umwelt, Mitarbeiter noch Anwohner bestanden, sagte Keyaert. Das Leck trat demnach im nicht-nuklearen Teil der Anlage auf. Dort wird mit dem heißen Dampf, der im Reaktor erzeugt wird, eine Turbine angetrieben, die wiederum den Generator antreibt, der die Bewegungsenergie in Strom umwandelt. Der vom Leck betroffene Wasserkreislauf enthält nach Angaben von Electrabel keine radioaktiven Stoffe.
Zeugen solche Ereignisse aber nicht dennoch davon, wie gefährlich der Betrieb der beiden belgischen Atomkraftwerke ist?
Wenn das so wäre, müssten wohl auch die acht noch betriebenen deutschen Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden. Das Leck in Doel wird auf der internationalen Bewertungsskala (Ines) für meldepflichtige Ereignisse vermutlich in Stufe 0 eingeordnet. In ihr finden sich Ereignisse, die keine oder nur eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung haben. In deutschen Kernkraftwerken wurden 2015 allein bis November 51 meldepflichtige Ereignisse der Stufe 0 registriert – darunter auch Leitungslecks.
Was sagt Betreiber Electrabel?
„Unsere Kraftwerke gehören zu den sichersten auf der ganzen Welt“, sagte Keyaert. Die Kraftwerke würden strengen Kontrollen unterzogen – auch seitens unabhängiger Instanzen. „Die nukleare Sicherheit hat für uns absolute Priorität.“ AKW seien komplexe technische Einrichtungen. Es sei normal, dass etwas passieren könne – wie der Brand in Tihange 1 am 18. Dezember oder nun das Wasserleck in Doel 3 jeweils im nicht-nuklearen Bereich. Die Electrabel-Experten seien gut geschult, um die AKW im Griff zu haben. Objektiv betrachtet häuften sich die Zwischenfälle nicht. Im Vergleich stehe man sehr gut da.
Umweltschützer argumentieren immer wieder, dass die belgischen Reaktoren besonders alt seien. Stimmt das?
Die ältesten belgischen Reaktorblöcke Doel 1 und 2 und Tihange 1 gingen 1975 ans Netz. In Europa sind aber zum Beispiel in den Niederlanden, in der Schweiz und in Schweden noch deutlich ältere Atomkraftwerke in Betrieb. Die schweizerische Anlage Beznau-2 ging beispielsweise bereits 1971 ans Netz. Sie liegt nicht einmal 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und ist damit deutlich näher an der Bundesrepublik gelegen als Tihange (60 Kilometer) und Doel (150 Kilometer).
Wollte Belgien die drei ältesten Reaktoren nicht eigentlich 2015 abschalten und mit dem Ausstieg aus der Atomkraft beginnen?
Ursprünglich war das der Plan. Atomkraftwerke, die älter als 40 Jahre sind, sollten vom Netz gehen. 2012 gab die belgische Regierung jedoch ihre Zustimmung für den Weiterbetrieb von Tihange 1 bis 2025. In diesem Jahr wurde dann auch offiziell die Laufzeit von Doel 1 und Doel 2 um zehn Jahre verlängert – ebenfalls bis 2025. Die belgische Regierung nennt dabei die Angst vor einem Black-Out als Grund. Man benötige die Zeit, um die Energiewende vorzubereiten. Für Electrabel ist es lukrativ, weil die alten Meiler abgeschrieben sind.
Was kann Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) tun?
Sie kann ihre Besorgnis äußern – mehr nicht. Hendricks sagt ganz klar: „Es liegt nicht in der Gewalt der Bundesregierung, Atomkraftwerke in anderen Ländern abschalten zu lassen. So wie Deutschland sich nicht vorschreiben lässt, Atomkraftwerke zu betreiben, so können wir anderen nicht vorschreiben, wie sie ihren Energiebedarf decken.“ Das liege in der souveränen Entscheidung jedes Landes. Die deutschen Grünen warfen Hendricks „Heuchelei“ vor. In Wahrheit tue die Umweltministerin „nichts, um die belgische Regierung von ihrer zynischen Atompolitik abzubringen“, sagte der Fraktionsvize im Bundestag, Oliver Krischer aus Düren.

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