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Tihange: Region für den Ernstfall nicht gerüstet?
Die Region könnte unbewohnbar werden
Tabletten sind da, aber keiner weiß, wie sie verteilt werden

Aachen. In einer fraktionsübergreifenden Resolution hat sich der Aachener Stadtrat gestern einstimmig für eine „unverzügliche und dauerhafte Abschaltung“ der Kernkraftwerksblöcke im belgischen Tihange ausgesprochen. Das nur 60 Kilometer von Aachen entfernte Kraftwerk sei seit Jahren „für seine Probleme und Störfälle“ bekannt, hieß es. In der Resolution an die Bundes- und Landesregierung fordern die Aachener Politiker ein bilaterales Abkommen mit Belgien „für den nuklearen Ernstfall“.

Zwar gibt es europäische, nationale und Landes-Notfallpläne für einen kerntechnischen Unfall – doch Politiker und auch das „Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie“ fürchten, dass der Katastrophenschutz im Ernstfall völlig unkoordiniert ablaufen würde. Das größte offenkundige Problem scheint zurzeit die Ausgabe der Jodtabletten im Notfall zu sein. Die Tabletten werden in den Kreisen und kreisfreien Städten zentral gelagert, wie sie aber dort im Notfall verteilt werden, ist in Aachen und der Städteregion nicht geregelt. (wos/mgu)  ▶ Region

Do, 21. Mai. 2015
Dürener Nachrichten / Region AN Titel / Seite 9

Das Thema: Gefahren durch Atomkraftwerke

Aachener Stadtrat fordert die sofortige Stillelegung des AKW Tihange. Im Falle eines Unglücks gebe es keinen ausgereiften Notfallplan.

Von Madeleine Gullert
und Stephan Mohne

Aachen. Ein halbes Dutzend Atomkraftwerke liegt nur einen Steinwurf von Aachen entfernt – wenn man es einmal so sieht, dass im Falle eines Super-GAUs wie in Tschernobyl oder Fukushima 200 Kilometer quasi nichts sind. Am nächsten liegt das belgische Atomkraftwerk Tihange bei Huy. Es ist gerade einmal 60 Kilometer entfernt – und gilt als marode. Tausende Risse in den Druckbehältern von Block 2, eine „unerwartet“ festgestellte Brüchigkeit des Behältermaterials – das weckt Befürchtungen. Schon 1999 zeigten Modellrechnungen der Wiener Universität für Bodenkultur, dass nach einem Super-GAU Gebiete weit über unsere Region hinaus in einem Maße betroffen sein könnten, dass sie lange stark verstrahlt wären. Andere Wissenschaftler – unter anderem von der RWTH Aachen – sehen das Risiko eines solchen Unfalls in Tihange als eher gering an.

Dennoch: In Aachen macht sich nicht nur, aber auch die Politik große Sorgen. Das hat sie gestern Abend im Stadtrat mit großer Einmütigkeit zum Ausdruck gebracht. Verabschiedet wurde eine von allen Fraktionen unterzeichnete Resolution mit der Überschrift: „Unverzügliche und dauerhafte Abschaltung des Kernkraftwerks Tihange“. Auch die Politiker treibt darin die Sorge um, dass „die gesamte Region unbewohnbar“ werden könnte. Am Freitag wollen auch Vertreter der Evangelischen Kirche einen Offenen Brief an die Landesregierung schicken, in dem sie sich gegen die Wiederinbetriebnahme von Tihange 2 wenden.

Die Fraktionen fordern die Landes- und Bundesregierung auf, sich für die sofortige Stilllegung des AKW Tihange einzusetzen. Zudem solle ein für den nuklearen Ernstfall geltendes bilaterales Abkommen mit Belgien vereinbart werden. Ein solches gibt es – zum Beispiel in Sachen Informationsweitergabe – mit den Niederlanden, nicht aber mit Belgien. Der Städteregionsrat hatte dies 2013 ebenfalls in einer Resolution gefordert. Informationsweitergabe läuft zurzeit aber eher informell, erklärt Marlis Cremer, Leiterin des Amtes für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz der Städteregion Aachen.

Genehmigung zurücknehmen

„Die sieben Leitstellen in der Euregio Maas-Rhein – in Hasselt, Maastricht, Lüttich, Heinsberg, der Städteregion Aachen, im Kreis Düren und Kreis Heinsberg – kooperieren sehr gut“, sagt Marlis Cremer. Die Leitstellen informierten sich gegenseitig über alles, was grenzüberschreitend relevant sein könne – „unabhängig von dem, was gesetzlich vorgeschrieben ist“. Das System hält Cremer für bewährt. „Der Informationsaustausch ist schneller als über den offiziellen Weg.“ Man sehe sich gut aufgestellt (siehe Artikel unten).

Der Stadtrat appelliert derweil an die belgische Regierung. Diese solle die um zehn Jahre verlängerte Betriebsgenehmigung für den 40 Jahre alten Block 1 des Kernkraftwerks Tihange zurücknehmen. Denn „bei einem Unfall könnte die Ummantelung brechen und radioaktiv kontaminiertes Wasser mit unkalkulierbaren Folgen austreten“. Doch in Belgien wendet man sich immer mehr ab von dem geplanten Atomausstieg. Zurzeit wird ein Gesetz erarbeitet, das die Laufzeit der AKW Doel 1 und 2 bei Antwerpen ebenfalls um zehn Jahre verlängern soll.

Landes- und Bundesregierung werden mit der Resolution gebeten, „Katastrophenschutzkonzepte zu erarbeiten bzw. zu überarbeiten, um entsprechende Informationen auf nationaler Seite vorhalten zu können“. Kritiker werfen den Behörden nämlich vor, dass es keinen ausgereiften Katastrophenplan gebe.

Im Falle eines kerntechnischen Unfalls würde das föderale Krisenzentrum (Centre de Crise Fédéral ) des Innenministeriums Kontakt mit dem deutschen Pendant aufnehmen, erklärt Sébastien Berg, Sprecher der belgischen Atombehörde FANC (Agence Fédérale de Contrôle Nucléaire). Außerdem würde man die Nachbarländer kontaktieren. Daneben existiert das europäische System Ecurie, das den Austausch von Informationen bei einem Unfall beschleunigt.

Und dann? Einen Erlass des NRW-Innenministeriums gibt es seit einiger Zeit. Das Ganze nennt sich „Rahmenempfehlung für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“. Mit dem Erlass wurden nach der Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011 einige schon 2008 von der Strahlenschutzkommission ausgesprochene Empfehlungen verschärft. So wird nun als „Zentralzone“ ein Gebiet von fünf Kilometern (vorher zwei Kilometer) um einen Reaktor herum definiert. Dieses Gebiet sollen die Menschen im Fall des Falles innerhalb von sechs Stunden verlassen, bis dahin sollen sie in Gebäuden bleiben. Menschen bis 45 Jahre und Schwangere sollen Jodtabletten bekommen. Es soll zudem Messprogramme geben. Schon jetzt misst die Städteregion an festgelegten Orten die Strahlung, um im Notfall einen Vergleichswert zu haben.

In der „Mittelzone“ (20 Kilometer, vorher zehn Kilometer) gilt dasselbe – bis auf die Evakuierung, die dort binnen 24 Stunden gestaffelt nach Sektoren von statten gehen soll. Und in der „Außenzone“ (100 Kilometer, vorher 25) – sprich in unserer Region – ist eine Evakuierung nicht vorgesehen. Stattdessen soll vor dem „Verzehr von frisch geernteten Lebensmitteln“ gewarnt werden. Wie das umgesetzt wird, ist Sache der Katastrophen-schutzbehörden vor Ort.

Auch das „Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie“ wollte das ganz genau wissen und schickte 37 Kommunen der Region eine Anfrage: „Welche Notfallpläne gibt es? Wie wird informiert? Wer sind Ansprechpartner im Falle eines Super-GAU in Tihange?“, heißt es. Die Ergebnisse sollen bei einer Demo am Dreiländereck am 14. Juni um 14 Uhr veröffentlicht werden. Man könnte auch sagen: sollten. Denn laut Aktionsbündnis liegt die Zahl der Antworten derzeit bei: exakt null.

Komplizierte Fragen

„Wir befürchten, dass der Katastrophenschutz völlig unkoordiniert ist“, sagte Jörg Schellenberg vom Aktionsbündnis im Gespräch mit unserer Zeitung. Und die wirklich komplizierten Fragen habe Schellenberg noch gar nicht gestellt: zum Beispiel wie man einen Feuerwehrmann dazu zwinge, seine Arbeit nach einem GAU zu machen.

„Wir befürchten, dass der Katastrophenschutz völlig unkoordiniert ist.“

Jörg Schellenberg, „Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie“

Do, 21. Mai. 2015
Dürener Nachrichten / Region AN Titel / Seite 9

Verbindliche Regelungen für die Katastrophenschutzbehörden gibt es immer noch nicht. Das könnte im Unglücksfall zum Chaos führen.

Aachen. Ja, die Jodtabletten sind mittlerweile da, sagt Jürgen Wolff. Er ist der Chef der Aachener Feuerwehr, die in der Stadt für den Katastrophenschutz zuständig ist. Nein, wie diese Tabletten im Falle eines Nuklearunfalls an die Bevölkerung kommen sollen, das sei immer noch unklar. Und so lagern ein paar Tausend der Arzneimittel derweil in der Zentralapotheke des Aachener Universitätsklinikums. Ältere Pläne für Aachen sahen vor, dass die Tabletten dann in insgesamt vier Krankenhausapotheken verteilt würden. Die Jodtabletten für die Städteregion Aachen – die beim Katastrophenschutz nicht für die Stadt Aachen zuständig ist – lagern im Amt für Rettungswesen in Simmerath in der Eifel.

Die Katastrophenschutzpläne sehen vor, dass im Fall eines kerntechnischen Unfalls Jodtabletten verteilt werden. Durch ihre Einnahme stellt sich eine Jodsättigung im Körper ein. Dieser nimmt radioaktives Jod dann nicht mehr auf, oder nur in geringen Mengen. Besonders schnell müssen Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren und Schwangere damit versorgt werden. Die Notfallpläne der Landesregierung sehen vor, dass nur Menschen bis einschließlich 45 Jahre Tabletten erhalten sollen.

Kampf um Tabletten?

Die Bezirksregierung Köln erklärte gestern, die Tabletten seien mittlerweile an die kreisfreien Städte und die Kreise verteilt und würden dort gelagert. Nach Fukushima wurde allerdings die Zahl der Tabletten erhöht, die bereitgehalten werden müssen. Doch noch immer seien diese neuen Anforderungen nicht vollständig erfüllt, erklärt Marlis Cremer, zuständig bei der Städteregion. Auch Wolff bestätigt, dass nicht für jeden Bürger Tabletten vorrätig sind. Das gilt bundesweit. An der Beschaffung der zusätzlichen Tabletten wird wohl derzeit gearbeitet.

Die Fragen für den Fall der Fälle lauten: Wie wird die Verteilung der Tabletten organisiert? Und wo? Noch gibt es keinen konkreten Plan, gebe es morgen einen Super-GAU, wäre nicht geregelt, wer die Tabletten an die Bevölkerung ausgibt. „Wir warten diesbezüglich auf eine verbindliche Regelung für alle seitens der Bezirksregierung beziehungsweise des Innenministeriums“, sagt Wolff. In der Städteregion hingegen sucht man im Arbeitskreis „Kritis“ eine eigene Lösung, Mitte Juni sei das erneut auf der Tagesordnung, sagte Jürgen Kochs vom Ordnungsamt in Alsdorf. Man könne sich Ausgabestellen analog zu den Wahllokalen vorstellen. In der Suche der Ausgabestelle sieht Kochs nicht das Hauptproblem, vielmehr fürchtet er im Ernstfall ein Chaos. Man stelle sich nur vor, dass ein 46-Jähriger zur Verteilstelle kommt: Pech gehabt, die Grenze liegt bei 45 Jahren – also muss man ihn wegschicken. Kochs fürchtet Tumulte. „Was bedeutet das in der Praxi s?“ Er glaubt, dass ein Sicherheitskonzept, das eine Polizeipräsenz einschließt, dringend erforderlich ist.

Einen anderen Vorschlag machten die Grünen im Bundestag im März dieses Jahres: Angesichts der unklaren Pläne sprechen sie sich für einen Jodtablettenvorrat für jeden Haushalt aus. Das ist in Frankreich bereits üblich. (mgu/stm)

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