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Tihange 2 ist seit gestern Abend wieder am Netz_Eine Katastrophe gibt es sehr selten

Aachen. Der umstrittene belgische Rissreaktor Tihange 2 bei Lüttich ist gestern Abend gegen 21.30 Uhr wieder ans Netz gegangen. Wegen letzter Inspektionen hatte sich die Wiederinbetriebnahme zuvor mehrmals verzögert, wie die Sprecherin des belgischen Betreibers Electrabel gestern unserer Zeitung auf Anfrage mitteilte.
Das Wiederanfahren nährt Sorgen bei den Menschen in der Region. In der Städteregion hinkt man der Verbesserung eines Katastrophenschutzplanes derweil noch hinterher. Ein Sirenensystem zur Information soll erst in fünf Jahren fertig sein. (mgu)  ▶ Region

Tihange 2 ist wieder angefahren. Das Vorgehen bei einem Unfall wird noch koordiniert. Sind Regionen, denen es ähnlich geht, weiter?
Von Madeleine Gullert
Aachen. Der umstrittene belgische Atomreaktor Tihange 2 bei Lüttich ist gestern Abend um 21.30 Uhr wieder ans Netz gegangen. Das teilte Electrabel-Sprecherin Anne-Sophie Hugé unserer Zeitung auf Anfrage mit. Dass Tihange 2 mit Tausenden Rissen im Reaktorbehälter wieder in Betrieb geht, sorgt viele Menschen in unserer Region – zumal die Stadt Aachen nach einer atomaren Katastrophenschutzübung zuletzt mitteilte, dass die Verteilung der Jodtabletten im Ernstfall noch nicht gesichert sei. Weitere Ergebnisse will die Stadt in dieser Woche bekanntgeben.
Im Fall eines atomaren Unglücks wäre aber nicht nur Aachen betroffen, sondern auch die Kommunen der Städteregion Aachen. Dort arbeitet man auch angesichts einer Bedrohung durch das AKW Tihange seit Monaten an einer Verbesserung des Katastrophenschutzplans. Tihange ist von Herzogenrath oder Stolberg nur knapp 70 Kilometer Luftlinie entfernt. Es gebe deutliche Fortschritte, beteuert Marlis Cremer, Leiterin des Amts für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz bei der Städteregion, im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Krisenstab hinke dem Zeitplan hinterher, auch weil Kommunen mit der Flüchtlingsunterbringung beschäftigt seien.
Städteregion will Sirenensystem
„Man darf nicht vergessen, dass wir vor Jahren noch gar nicht Teil einer Schutzzone waren“, sagt Cremer. Hintergrund: Nach dem Atomunglück von Fukushima änderte das Land NRW die Vorgaben für den Katastrophenschutz „Rahmenempfehlung für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen“. Unsere Region gehört seitdem zur sogenannten Außenzone, die einen Radius von 100 Kilometern (vorher 25) umfasst. Vorgesehen sind hier Radioaktivitäts-Messprogramme, die laut Cremer laufen.
Außerdem sollen die Menschen ihre Häuser nicht verlassen. Doch wie sieht das praktisch aus? Wie würden die Menschen im Fall eines Unfalls informiert? Darauf setzt man in der Städteregion zurzeit den Hauptschwerpunkt. „Wir sind dabei, ein Sirenensystem einzurichten“, sagt Cremer. Das sei Anfang Dezember genehmigt worden. Kostenpunkt: geschätzte zwei Millionen Euro. Cremer geht davon aus, dass sie das Geld nicht direkt bekommt, sondern gestückelt. In vier bis fünf Jahren werde wieder ein System mit 106 Sirenen bestehen, schätzt Cremer. Zurzeit gibt es in der Eifel noch Sirenen, in Eschweiler oder Stolberg gibt es aber beispielsweise keine mehr.
In der Städteregion setzt man im Ernstfall darauf, Menschen über das Radio, das Fernsehen, Nachrichtenseiten im Internet und soziale Netzwerke zu informieren. Wenn nun nachts ein Unfall in Tihange passierte, müsse man darauf hoffen, dass die Menschen am Morgen davon erfahren. Eine Information über Lautsprecherwagen sei nur in einem begrenzten Radius möglich und deshalb kaum praktikabel, erklärt Cremer.
Jodtabletten sollen an Menschen bis 45 Jahren verteilt werden. Durch ihre Einnahme stellt sich eine Jodsättigung im Körper ein. Er nimmt radioaktives Jod dann nicht mehr auf. Laut Cremer werden inzwischen in einem Zentrallager in Simmerath genügend Jodtabletten gelagert. Das war im Sommer noch nicht der Fall. Nun müssten die Kommunen entscheiden, ob sie diese vor Ort lagern oder in Simmerath lassen. Im Januar oder Februar gebe es aber ein Treffen des Krisenstabs. Insgesamt glaubt sie aber, dass das Thema Jodtabletten etwas überstrapaziert sei. Sie seien kein Heilsbringer bei einem Super-Gau.
Dass die informelle Information der Leitstellen und Behörden bei einem Unfall gut funktionieren würde, davon ist Cremer überzeugt. Ein bilaterales Abkommen gibt es nicht, was oft kritisiert wird.
„Der Katastrophenschutz hinkt der Realität 30 Jahre hinterher“, sagt Axel Mayer nicht etwa über die Pläne in unserer Region, sondern über die Situation in der Region um Freiburg. Direkt an der deutschen Grenze liegt das französische AKW Fessenheim (von Freiburg 30 Kilometer entfernt), in der Schweiz die AKW Leibstadt (50 Kilometer) und Beznau (56 Kilometer), das aus dem gleichen umstrittenen Material wie die belgischen Rissreaktoren Tihange 2 und Doel 3 hergestellt wurde. Die Ausgangslage dort ist mit der in unserer Region vergleichbar. Mayer ist Geschäftsführer des Bund für Umwelt- und Naturschutz BUND Südlicher Oberrhein und spricht nur von „einem Kataströphchenschutz“. In der Region, gebe es ein großes Bedrohungsgefühl.
Während aber bei uns der Protest vor allem auf deutscher Seite stattfindet, sei die Anti-Atomkraft-Front in Freiburg sowohl auf deutscher als auch auf französischer Seite mächtig – und zwar seit Jahrzehnten, wie Mayer betont. Die Kritikpunkte sind in beiden Regionen ähnlich. Doch immerhin bestehen bilaterale Abkommen zwischen der Region und Frankreich und der Schweiz, wie das zuständige Regierungspräsidium Freiburg auf Anfrage mitteilte. Zudem gibt es regelmäßig grenzüberschreitende atomare Katastrophenschutzübungen.
Freiburg: Radius durch die Stadt
In einem Umkreis von bis zu zehn Kilometern des AKW Fessenheim wurden Jodtabletten an die Haushalte verteilt. Das wünschen sich viele Menschen in unserer Region auch. In der Region um Freiburg betrifft das Orte direkt an der deutsch-französischen Grenze. „Das ist sinnvoll“, sagt Mayer. Dass ab einem Radius von zehn Kilometern die Tabletten zentral gelagert werden, kritisiert er. „Einerseits sollen die Menschen das Haus nicht verlassen, andererseits die Tabletten an der Ausgabestelle holen. Wie soll das gehen?“
Auch kurios ist, dass der Radius einer Sicherheitszone mitten durch Freiburg verläuft, wie ein Sprecher sagte. Auf einer Straße gibt es Jodtabletten, auf der anderen nicht? Man werde das im Ernstfall vernünftig entscheiden, teilte ein Sprecher des Regierungspräsidiums mit. Wenn ein Großteil eines Ortes in dem Radius sei, werde man keinen ausschließen. Richtig geplant habe man das aber noch nicht.
Eine beängstigende Planlosigkeit hier und dort? Marlis Cremer wirbt für Verständnis. „Eine Katastrophe gibt es sehr selten.“ Wenn sie eintritt, könne man nur hoffen, bestmöglichst vorbereitet zu sein.

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