Freie und unabhängige Wählergemeinschaften in Aldenhoven, Inden, Jülich, Linnich, Merzenich, Titz, Vettweiß und Piratenpartei

Schwerte bleibt dabei:
Flüchtlinge in ehemaliges KZ
Schwerte „braucht keinen Rat von außen“

 

Schwerte. Die Stadt Schwerte hat ihre Entscheidung verteidigt, Flüchtlinge auf dem Gelände einer ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald unterzubringen. Die in Schwerte lebenden Flüchtlinge hätten einen Anspruch auf eine menschenwürdige Unterbringung, erklärte Bürgermeister Heinrich Böckelühr (CDU). Das sei in dem Gebäude im Unterscheid zu Wohncontainern, Turnhallen oder Zelten gewährleistet. (epd)  ▶ Region & NRW

Sa, 17. Jan. 2015
Dürener Nachrichten / Region und NRW / Seite 10

Schwerte „braucht keinen Rat von außen“

Bürgermeister verteidigt die Entscheidung der Stadt, Flüchtlinge an historisch belastetem Ort unterzubringen. Nach dem Krieg erbaut.

Schwerte. Trotz heftiger Kritik von vielen Seiten hält die nordrhein-westfälische Stadt Schwerte an der geplanten Unterbringung von 21 Flüchtlingen auf dem Gelände einer ehemaligen Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald fest. Dies geschehe „aus Überzeugung“ und sei bei sachgerechter Abwägung der Alternativen nicht zu beanstanden, heißt es in einer gestern veröffentlichten gemeinsamen Erklärung des Bürgermeisters und des Rates der Stadt.

Bürgermeister Heinrich Böckelühr (CDU) sagte vor Journalisten, als überschuldete Kommune gehe Schwerte den schwierigen Weg, trotz finanzieller Nöte den nach Deutschland kommenden, Schutz suchenden Menschen eine würdevolle Unterkunft zu bieten. In Erfüllung dieser Aufgabe habe die Stadt ein Gebäude auf dem Gelände mit zweifelsohne wechselvoller Geschichte einer sinnvollen Nutzung zugeführt. Die Entscheidung werde von allen Parteien im Stadtrat mit Ausnahme der Fraktion der Linken mitgetragen.

NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hatte am Donnerstag die Ankündigung der Stadt Schwerte als „kein gutes Zeichen“ bezeichnet und nach Gesprächen mit Vertretern von jüdischen Verbänden noch kurzfristig an die Stadt appelliert, den Plan fallenzulassen. Integrationsminister Guntram Schneider und Innenminister Ralf Jäger (beide SPD) kritisierten das Vorhaben ebenso wie Historiker und Integrationsorganisationen.

Willkommenskultur

Den Vorwurf, bei dem Gebäude handele es um die Original-Baracke von einstigen SS-Schergen, wies der Rat zurück. Das für die Nutzung vorgesehene Haus auf dem Gelände eines früheren Eisenbahnausbesserungswerkes existiere erst seit dem Ende der 50er Jahre. In der ehemaligen KZ-Außenstelle „Schwerte Ost“ waren während des Zweiten Weltkrieges von April 1944 bis Dezember 1944 700 polnische Zwangsarbeiter untergebracht. Die während der NS-Zeit errichteten Baracken seien nach dem Zweiten Weltkrieg alle abgerissen worden. Die heute bestehenden Gebäude an gleicher Stelle dienten in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedlichen Zwecken, zuletzt als Künstleratelier.

Böckelühr stellte neue Erkenntnisse vor, denen zufolge das vorgesehene Gebäude erst nach 1959 erbaut wurde. Es handele sich also nicht um ein historisch dem ehemaligen Lager zuzuordnendes Haus. Das habe eine Auswertung von Luftbildern aus den Jahren 1952 und 1959 durch das Westfälische Amt für Denkmalpflege Münster in den vergangenen Tagen ergeben. Ob die Bodenplatte noch aus der NS-Zeit stamme, sei jedoch nicht zu klären.

„Wir haben in Schwerte keinen Nachholbedarf an Erinnerungskultur“, erklärte der Rat der Stadt. „Der Vorwurf, wir in Schwerte seien geschichtslos und unsensibel, hat Rat und Verwaltung der Stadt Schwerte getroffen.“ Die Stadt habe in vorbildlicher Weise die Geschichte der ehemaligen Außenstelle aufgearbeitet. Seit 1990 gebe es dort eine Gedenkstätte, in der regelmäßig an das schwere Schicksal der Zwangsarbeiter erinnert werde.

Willkommenskultur werde in Schwerte großgeschrieben, sagte Böckelühr. Dazu gehöre eine menschenwürdige Unterbringung der zugeteilten Flüchtlinge. Dieser Verantwortung stelle sich die Stadt trotz finanzieller Nöte. Eine Unterbringung in Wohncontainern, Turnhallen oder Massenunterkünften komme nicht infrage. In Schwerte leben nach den Angaben derzeit 173 Flüchtlinge in Übergangswohnheimen, weitere rund 80 sind in Privatwohnungen untergebracht.

Der Bürgermeister appellierte an die Landespolitik, den Kommunen bei der Unterbringung der Flüchtlinge zu helfen. „Wir brauchen keinen Rat von außen und keine Kritik von der Ministerpräsidentin“, so Böckelühr.

Wer nicht wolle, dass Flüchtlinge in Sammelunterkünften untergebracht werden, müsse die Kommunen in die Lage versetzen, menschenwürdige Wohnungen anzubieten. (kna/dpa/epd)

1989 wurde eine Gedenkstätte errichtet

Ende des Zweiten Weltkriegs waren im KZ-Außenlager in Schwerte Ost Hunderte Zwangsarbeiter aus Buchenwald (Thüringen) untergebracht, unter anderem Polen und Franzosen. Sie wurden im Reichsbahnausbesserungswerk Schwerte-Ost eingesetzt.

Die baulichen Überreste des Lagers wurden 1985 unter Denkmalschutz gestellt. 1989 wurde auf Initiative des Kulturamtes eine Gedenkstätte errichtet.

Neben einem Gedenkstein hat der Bildhauer und Steinmetz Horst Wegener ein Stück Schienen verlegt. Die Schwellen stellen Zwangsarbeiter mit verzerrten Gesichtern dar.

„Wir haben in Schwerte
keinen Nachholbedarf an Erinnerungskultur.“

Heinrich Böckelühr,

Bürgermeister von Schwerte

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *