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RWE schockt die Kommunen_Die Dividende ist weg, die Zukunft düster_RWE-Konzern brüskiert die Kommunen

Der Konzern plant, seinen Stammaktionären die Dividende für 2015 komplett zu streichen . Die Stadt Eschweiler, die Städteregion Aachen und die Beteiligungsgesellschaften des Kreises Düren sind entsetzt.
Von André Schaefer
Aachen. Schlechte Zeiten für Aktionäre des Essener Energieriesen RWE: Wie der schwer gebeutelte Konzern gestern mitteilte, will der Vorstand wegen massiver Verluste von 200 Millionen Euro im vergangenen Jahr den Großteil der Dividende für 2015 streichen. So soll es für Vorzugsaktionäre noch eine Mini-Ausschüttung von 13 Cent je Anteilsschein geben. Stammaktionäre, wie etwa Kommunen, sollen sogar komplett leer ausgehen. In den vergangenen beiden Jahren hatte der Konzern noch einen Euro pro Aktie gezahlt.
Besonders schmerzhaft ist die Streichung der Dividende für die großen Kommunen unserer Region. Sowohl die Städteregion Aachen als auch die Stadt Eschweiler sowie die Beteiligungsgesellschaft des Kreises Düren halten seit vielen Jahren Aktien des zweitgrößten Energiekonzerns Deutschlands – und sie alle sind Stammaktionäre. „Diese Meldung ist für uns als Kommune sehr bedauerlich“, sagte Stefan Kaever, Kämmerer der Stadt Eschweiler, gestern auf Anfrage unserer Zeitung.
Eschweiler besitzt insgesamt 322 000 RWE-Aktien. Die Kommune hatte für ihren aktuellen Haushalt mit einer Dividende von etwa 50 Cent pro Anteilsschein gerechnet, 160 800 Euro waren demnach eingeplant. „Uns war klar, dass die Gewinnausschüttung im Vergleich zu den vergangenen zwei Jahren um rund 50 Prozent niedriger ausfallen werde. Dass sie nun komplett gestrichen wird, überrascht uns dann aber doch sehr“, sagte Kaever. Ein Verkauf der RWE-Aktien, den Umweltschützer in dieser Woche in Aachen gefordert hatten, komme trotz des fallenden Aktienkurses weiterhin nicht in Frage. „Wir sind in Eschweiler in einer besonderen Situation und wollen einen Fuß in der Tür des RWE-Konzerns behalten“, sagte Kaever.
Entsetzt zeigte sich gestern auch die Beteiligungsgesellschaft des Kreises Düren, die rund 1,2 Millionen RWE-Aktien hält. Wie in Eschweiler hatte man auch dort mit einer Dividende von 50 Cent pro Aktienschein gerechnet, also mit Einnahmen von rund 600 000 Euro. „Die angekündigte komplette Streichung der Dividende reißt ein Loch, das noch viel größer ist als befürchtet. Das trifft uns sehr hart“, sagte Hans-Joachim Deutz, Prokurist der Beteiligungsgesellschaft des Kreises Düren. Die jährliche Ausschüttung nutze man überwiegend zur Finanzierung des Öffentlichen Personennahverkehrs, hieß es gestern auf Anfrage. „Dieser Situation müssen wir uns nun stellen.“
Hart trifft die Meldung aus Essen auch die Städteregion Aachen, die 557 260 RWE-Aktien hält. Denn auch für den diesjährigen Haushalt war eine Ausschüttung von einem Euro pro Stückzahl vorgesehen. Städteregionsrat Helmut Etschenberg teilte gestern auf Anfrage mit, dass man trotz der schlechten Nachrichten an den RWE-Aktien festhalten werde und zudem von einer Erholung des Aktienkurses ausgehe. Die Finanzierung konkreter Projekte sei nicht gefährdet, die Ausschüttungen würden der allgemeinen Deckung des Haushaltes dienen, hieß es gestern.  ▶ Seiten 2 und 7
„Die angekündigte komplette Streichung der Dividende
trifft uns sehr hart.“
Hans-Joachim Deutz, Prokurist Beteiligungsgesellschaft Düren


RWE sorgt wieder für schlechte Nachrichten – diesmal für ihre Aktionäre. Kommunen müssen nun große Löcher stopfen.
Von Rolf Schraa, Erik Nebel und André Schaefer
Essen. Essens Kämmerer Lars Martin Klieve fiel am Mittwochmorgen aus allen Wolken. „Keine Dividende – das ist mir völlig neu“, sagte er. Und: „Das übertrifft meine schlimmsten Alpträume.“ Für die auch wegen der Flüchtlingskrise angespannte Stadt fielen damit gut 18 Millionen Euro an eingeplanten Dividenden-Einnahmen weg. Guntram Pehlke, Stadtwerke-Chef in Dortmund und als solcher ebenfalls RWE-Großaktionär, schimpfte: „Unverschämtheit, das hätte man nicht entscheiden dürfen, ohne den Aufsichtsrat einzubinden.“ Das Kontrollgremium tagt erst in gut zwei Wochen.
RWE-Chef Peter Terium hat mit seinem neuen Sparvorschlag –einer fast kompletten Dividendenkappung plus weiteren Milliarden-Abschreibungen – viele Anteilseigner überrascht und geschockt. Der Kurs der Aktie fiel bis zum Mittag um mehr als zwölf Prozent. RWE muss einen weiteren Verlust von 200 Millionen Euro verbuchen. Das betriebliche Ergebnis soll von 3,8 auf 2,8 bis 3,1 Milliarden Euro sinken. Viele Kommunen, mit fast einem Viertel wichtigste RWE-Eigentümer, sind sauer, auch in unserer Region – bei der Städteregion Aachen, bei der Stadt Eschweiler und bei den Beteiligungsgesellschaften des Kreises Düren – ist das Entsetzen groß. Sie müssen insgesamt auf rund 150 Millionen Euro Dividende verzichten, wie die „Rheinische Post“ vorrechnet – und sie fühlen sich an den Entscheidungsabläufen in „ihrer“ RWE immer weniger beteiligt.
Schon bei der Personalie des künftigen Aufsichtsratschefs hatten die Kommunalvertreter 2015 ihren Kandidaten, Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, nicht durchsetzen können. Dass Ende Januar dann der hoch geachtete RWE-Deutschland-Chef Arndt Neuhaus das Unternehmen verlassen musste, sorgte für weiteren Ärger. Neuhaus galt als Vertrauter der Kommunen. Und aktuell erregt sie Teriums Plan, im Aufsichtsrat der „neuen“ RWE, die im April gegründet werden soll, gar keine kommunalen Vertreter zuzulassen.
Die Kommunen empfänden das Verhältnis zum RWE-Vorstandsvorsitzenden als belastet, heißt es aus dem Umfeld. Nun kommt zu alledem noch der Griff ins Portemonnaie – ausgerechnet in einer Phase, in der die kommunalen Haushalte wegen der Flüchtlingskrise angespannt sind wie lange nicht mehr. Natürlich gibt es gute Gründe für eine Dividendenkürzung in der Krise und angesichts von Nettoverlusten.
Das sieht sogar Aktionärsvertreter Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) so: „Die Dividende war schon seit Jahren zu hoch. Auch RWE kann sich vor den Fakten des Energiemarktes nicht verstecken.“ Die komplette Streichung komme aber überraschend und sei eine „schreckliche Nachricht“ für die Aktionäre. Dies müsse nun der Wendepunkt für RWE sein, fordert Tüngler. „Die letzte Linie ist das Vertrauen, dass es besser wird.“
Genau dieses Vertrauen kann RWE derzeit aber nur mit Mühe vermitteln. Auch in diesem Jahr rechnet der Vorstand mit weiteren Ergebnisrückgängen. Und ein wirklich neues Geschäftsmodell ist nicht erkennbar. Eine weitere schwierige Frage bleiben die am Ende anfallenden Kosten für den Atomausstieg. Solange es in den Gesprächen mit der Atomausstiegs-Kommission kein Ergebnis gibt, halten viele Fachleute den bisher für Ende 2016 geplanten Börsengang der „neuen“ RWE für wenig aussichtsreich.
Dass die Hauptversammlung am 20. April Terium die Entlastung verweigern könnte, erwartet kaum jemand. Der Aufstand wird wohl ausbleiben. Die kritische Stimmung dürfte sich aber wohl in einem mäßigen Abstimmungsergebnis niederschlagen, erwarten Beobachter. Das Vertrauen für Terium scheint ausgeschöpft.
Am Ende steht ein Verlust von 200 Millionen Euro
Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE ist im vergangenen Jahr wieder in die roten Zahlen gerutscht. Das Unternehmen verbuchte 2015 einen Verlust von 200 Millionen Euro, wie RWE gestern mitteilte. Die Aktionäre sollen leer ausgehen, nur Inhaber von Vorzugsaktien sollen eine Dividende von 13 Cent bekommen.
Im Bereich erneuerbare Energien habe sich das Ergebnis im Vorjahresvergleich zwar mehr als verdoppelt, dennoch habe sich die operative Ertragslage insgesamt verschlechtert, teilte der Essener Konzern darüber hinaus mit.
Da sich die Perspektiven für die konventionelle Stromerzeugung weiter verschlechtert hätten, habe RWE 2015 Abschreibungen von 2,1 Milliarden Euro auf deutsche und britische Kraftwerke vorgenommen, erklärte das Unternehmen mit dem größten Kohlekraftwerkspark in Europa. Außerdem seien Steuern in Höhe von 900 000 Euro abgeschrieben worden.


Kommentar
Patrick Nowicki
Viele Jahre haben die Kommunen im Rheinischen Revier sehnsüchtig auf die Verkündung der RWE-Jahreszahlen gewartet. Immer wieder durften sich Kämmerer vergnügt die Hände reiben, denn die Dividendenausschüttung brachte zusätzliches Geld in die Stadtkassen. Geld für Investitionen, aber auch, um Löcher in den Etats zu stopfen. Bis gestern. Mit der Streichung der Dividende reagiert der Essener Konzern radikal auf die Krise, in die er mit der Energiewende geschliddert ist. Die Region bekommt dies wieder deutlich zu spüren, denn in vielen städtischen Haushalten sind die RWE-Aktien Bestandteil des Eigenkapitals.
322 000 RWE-Aktien besitzt alleine die Stadt Eschweiler, die bis gestern auf eine Dividende in Höhe von 50 Cent gehofft hat. Diese 160 000 Euro müssen nun woanders erwirtschaftet werden. Für Eschweiler kommt es noch dicker: Die Städteregion setzte für ihre 557 000 Wertpapiere eine Dividende in Höhe von einem Euro an. Dieses Minus kann zu einer Erhöhung der Städteregionsumlage der einzelnen Kommunen – also auch Eschweiler – führen.
Keine Frage: Der Ausfall der Dividende trifft die Kommunen und Kreise hart. Aber die Entscheidung der meisten Kämmerer, an den Papieren festzuhalten, ist wirtschaftlich nachvollziehbar, auch wenn dies mancher Gegner der Braunkohle gerne anders sehen würde. Ohnehin hat der Konzern angekündigt, sein bisheriges Geschäftsmodell zu verlassen und mit der Aufspaltung in diesem Jahr den Weg für Investitionen in regenerative Anlagen frei zu machen. Ob damit RWE aus der Krise gelangt, steht in den Sternen. Immerhin bietet sich aber dann die Chance, dass die Börsenkurse wieder klettern.
Das Argument allerdings, dass Kommunen mit RWE-Aktien einen größeren Einfluss auf die Politik des Konzerns nehmen könnten, wurde gestern deutlich geschwächt. Die Entscheidung gegen die Dividende ist eine klare Ansage, dass der Sparwille ohne Kompromisse umgesetzt wird. Ein Minus in Höhe von 200 Millionen Euro im vergangenen Jahr und weiter sinkende Strompreise auf dem Großhandelsmarkt lassen vielleicht keine andere Wahl. Dennoch riskiert der Konzern, Fondsmanager und Kommunen zu brüskieren. Ein riskantes Spiel. Der RWE-Aufsichtsrat, dem auch Vertreter der Kommunen angehören, tagt am 3. März. Die Sitzung dürfte ungemütlich werden.
p.nowicki@zeitungsverlag-aachen.de

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