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Kraftwerkstandort Eschweiler-Weisweiler_Dunkle Wolken zum Jubiläum

Di, 16. Sep. 2014
Dürener Nachrichten / Region AN Titel / Seite 9
Das Thema: Kraftwerkstandort Eschweiler-Weisweiler

Kraftwerk

Dunkle Wolken zum Jubiläum
Seit 100 Jahren stehen Kraftwerke in Eschweiler-Weisweiler. Feierlaune will jedoch dort nicht aufkommen, weil derzeit Personal verringert wird. Im Jahr 2030 ist dort voraussichtlich Schluss.
Von Patrick Nowicki
Eschweiler. Das Prinzip hat auch nach 100 Jahren noch Bestand: Wasser wird erhitzt, der dadurch entstehende Dampf treibt eine Turbine an, die an einen Generator gekoppelt ist. So entsteht Strom in einem Braunkohlekraftwerk. Zwölf Megawatt Leistung schaffte das erste Kraftwerk in Weisweiler im Jahr 1914, zehn Dekaden später besitzt der Nachfolger auf der anderen Seite der Autobahn 4 eine Leistung von 1992 Megawattstunden und produziert 14 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr – die Vorschaltgasturbinen sind dort nicht eingerechnet.
Standort auf dem Prüfstand
Ausgerechnet im Jubiläumsjahr ziehen jedoch dunkle Wolken über Weisweiler: Der RWE-Konzern steckt mit dem Aufschwung der regenerativen Energieformen mitten in der Krise, weil der Photovoltaik-Boom die Preise auf dem Strommarkt purzeln ließ. Jedes Jahr stellt der Essener Energieriese seinen Kraftwerkspark auf den Prüfstand. „Jeder Standort für sich muss sich rechnen“, sagt der Weisweiler Kraftwerksleiter Gerhard Hofmann. In seinem Fall werden der Produktionsstandort und der Tagebau Inden, der Braunkohle ausschließlich zur Stromerzeugung in Weisweiler gewinnt, gemeinsam betrachtet. Derzeit gilt dort das Spardiktat. Will sagen: Die Personaldecke von noch 530 Arbeitnehmern wird konkret um 60 Menschen verringert. „Sozialverträglich“, wie Hofmann betont.
Kein Zweifel, der Industriestandort Weisweiler hat schon rosigere Zeiten erlebt. Der Vorort von Eschweiler war ein Sinnbild für den Aufschwung mit dem Bergbau. Die ehemalige BIAG Zukunft, die den Tagebau nördlich von Eschweiler und das Kraftwerk bis zur Fusion zur „Rheinischen Braunkohlewerke Aktiengesellschaft“ im Jahr 1959 betrieb, beschäftigte bis zu 3500 Menschen. Das erste Kraftwerk, überraschender Weise „Kraftwerk Weisweiler II“ genannt, befand sich auf dem Gelände des heutigen Gewerbeparks „In der Krause“. Also südlich von und unmittelbar an der Autobahn 4 zwischen Aachen und Köln. Zwischen 1975 und 1980 verschwanden sämtliche Spuren der Industrieanlage – das Kraftwerk wurde samt Brikettfabrik abgerissen.
Schon im Zweiten Weltkrieg bestanden erste Pläne, nördlich der Autobahn ein neues Kraftwerk zu errichten. Umgesetzt wurde dieses Vorhaben allerdings erst im Juli 1953, als die Bauarbeiten dort begannen, ehe die Anlage zwei Jahre später mit einer Leistung von 350 Megawatt ans Netz ging. Die Bedeutung dieses Ereignisses wird auch darin deutlich, dass die Symbolfigur des Nachkriegsaufschwungs, der Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhardt, an dem Festakt teilnahm.
Doch zurück zur Gegenwart: Am Kraftwerk Weisweiler lässt sich auch eine große Fehleinschätzung der Energieexperten im vergangenen Jahrzehnt erkennen. Gas sollte nämlich als günstiger und auch umweltschonender Brennstoff den Wandel in der Stromerzeugung mitprägen. RWE Power investierte in zwei Vorschaltgasturbinen, die die beiden großen 600 Megawatt-Blöcke verstärken sollten. Zudem kann man mit Gasanlagen schneller als mit reinen Braunkohlekraftwerken auf Stromschwankungen im Netz reagieren. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn das Wetter umschlägt und Wolkendecken die Einspeisung von Strom aus Photovoltaikanlagen deutlich verringern.
Doch inzwischen ist Gas unwirtschaftlich geworden, die Anlage am Kraftwerk Weisweiler ist konserviert, weil sich der Betrieb nicht auszahlt. 150 Millionen Euro hat sie vor sieben Jahren gekostet.
Wohin die Reise in der Energiewirtschaft gehen soll, ist von der Politik eindeutig vorgegeben: Strom aus Braunkohle soll in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören, um die Umwelt zu entlasten. Der RWE-Konzern hält dem entgegen, dass aktuell keine Technologie existiere, die den Strom aus Wind und Sonne so speichern könne, dass er in großer Menge auch bei windstillen, dunklen Tagen nutzbar ist. Auch der Weisweiler Kraftwerksdirektor Gerhard Hofmann vertritt diese Ansicht: „Wir benötigen die fossilen Brennstoffe zur Stromgewinnung als Brückentechnologie.“
Investiert wurde in den vergangenen Jahren dennoch im Weisweiler Kraftwerk: Die Leittechnik wurde bei den Revisionen der beiden großen 600-Megawatt-Blöcke vor zwei Jahren auf den neusten Stand gebracht. Der Essener Energieriese ließ sich die Instandhaltung der Kessel und die Erneuerung des Leitstands eine dreistellige Millionensumme kosten. Damit kann man im Kraftwerk nun schneller auf die Schwankungen im Stromnetz reagieren, die vor allem durch Photovoltaik und Windenergie entstehen. Allerdings bemängelt Hofmann, dass nach wie vor nur jede Kilowattstunde Strom abgerechnet werde: „Es ist ja auch wichtig, dass wir den Strom für den Fall der Fälle bereithalten müssen.“ In seinen Augen werde dies jedoch nicht entsprechend vergütet.
Wohin die Reise des Kraftwerkstandorts Weisweiler geht, kann im Moment noch niemand sagen. Eschweilers Bürgermeister Rudolf Bertram mahnt seit Jahren, dass ein erneuter Strukturwandel in der Region bevorstehe. Dies wird inzwischen auch bei der Landesregierung in Düsseldorf so gesehen. Für Weisweiler bedeutet dies konkret, dass der Tagebau Inden im Jahr 2030 ausgekohlt sein soll. Dann dürfte nach heutigem Stand auch die Kraftwerksära in Weisweiler enden. Ein weiteres klassisches Jubiläum wird es wohl nicht mehr dort geben.
Auch das „Hundertjährige“ wird nicht in einem großen Rahmen gefeiert. „Aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage“ werden nur zwei interne Feste stattfinden: eines für geladene Gäste aus Politik und Gesellschaft sowie ein Oktoberfest mit Programm für die RWE-Mitarbeiter.
„Es ist ja auch wichtig, dass wir den Strom für den Fall der Fälle bereithalten müssen.“
Gerhard Hofmann,
Kraftwerksleiter Weisweiler

Di, 16. Sep. 2014
Dürener Nachrichten / Region AN Titel / Seite 9
Die Historie
E Nach der Gründung der Kraftwerk-Zukunft-AG in Köln beginnt 1913 der Bau des Kraftwerks in Weisweiler (Foto oben). Ab Juli 1914 versorgt es mit zwölf Megawatt Leistung die Städte Stolberg und Eschweiler. Die Braunkohle stammt aus dem Tagebau Zukunft.
E Im Juli 1937 wird mit dem Bau eines neuen Kesselhauses mit einem 168 Meter hohen Schornstein begonnen (Foto). Danach besitzt das Kraftwerk eine Leistung von 50 Megawatt und produziert Strom für den gesamten Aachener und Dürener Raum.
E Schon zu Beginn des Zweiten Weltkriegs entstehen erste Pläne zu einem neuen Kraftwerk nördlich der Autobahn. Die Arbeiten starten schließlich im Juni 1953. Im Jahr 1955 geht das Kraftwerk am heutigen Standort mit einer Leistung von 350 Megawatt ans Netz.
E Bei der offiziellen Inbetriebnahme im Mai 1955 zählt auch der damalige Wirtschaftsminister Ludwig Erhardt (Foto, rechts) zu den Gästen. Im Laufe der Jahre steigt die Leistung des neuen Kraftwerks auf etwa 2800 Megawatt. In den 80er Jahren wird zudem eine aufwändige Entschwefelungsanlage installiert. Die Versorgung des Kraftwerks übernahm zunächst der Tagebau Zukunft-West und schließlich Inden.
E Der letzte Kohlezug (Foto) rollt am 25. März 1975 zum alten Kraftwerk, überraschenderweise Weisweiler II genannt. Danach wird die Produktionsstätte abgerissen. Die Schornsteine werden gesprengt, der letzte fällt im Juli 1978. Die letzte Kohle aus dem Tagebau Zukunft-West wird im Jahr 1987 gefördert.
E In den Jahren 2006 und 2007 werden zwei Vorschaltgasturbinen nach Weisweiler geliefert und installiert. Sie sollen die Leistung der beiden 600-Megawatt-Blöcke Gustav und Heinrich erhöhen und gleichzeitig zuschaltbar sein, um schneller auf steigenden Strombedarf reagieren zu können. 150 Millionen Euro investiert die RWE Power AG. Inzwischen sind sie abgeschaltet, ebenso wie die 150-Megawatt-Blöcke, weil sie nicht mehr wirtschaftlich sind.

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