Freie und unabhängige Wählergemeinschaften in Aldenhoven, Inden, Jülich, Linnich, Merzenich, Titz, Vettweiß und Piratenpartei

„Keine verschärfte Sicherheitslage“_Die Angst vor der schmutzigen Bombe_Wie gefährlich ist der Atommüll im Zwischenlager Jülich?

Angeblich hatten die mutmaßlichen Paris-Attentäter auch das Forschungszentrum Jülich und den dort gelagerten Atommüll im Visier. Doch der Verfassungsschutz dementiert entsprechende Berichte.
Von René Benden
und Marlon Gego
Jülich/Köln. Journalisten in ganz Deutschland haben sich gestern den Kopf darüber zerbrochen, was denn nun wirklich an dem Bericht über das Forschungszentrum Jülich (FZ) dran ist. Stimmt es, wie das „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ (RND) am Mittwoch berichtet hatte, dass in der Wohnung des mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam Unterlagen über das FZ gefunden worden sein sollen, sogar ein Foto des FZ-Vorstandes Wolfgang Marquart? Oder stimmt es nicht?
Das Bundesamt für Verfassungsschutz veröffentlichte gestern ein Dementi. RND-Chefredakteur Matthias Koch erklärte auf Anfrage unserer Zeitung allerdings, seine Redaktion bleibe bei ihrer Darstellung. Mehrere Mitglieder des Parlamentarischen Kontrollgremiums des Bundestages hätten gegenüber dem RND bestätigt, dass Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen in vertraulichen Vier-Augen-Gesprächen von den Jülicher Unterlagen berichtet habe, die in Salah Abdeslams Wohnung gefunden worden sein sollen. Koch sagte, „hinter vorgehaltener Hand wird in Berlin über dieses Thema schon seit drei Wochen gesprochen“.
Wenn diese Darstellung tatsächlich zutrifft, stellt sich die Frage, warum Maaßen weder Bundeskanzleramt noch Bundesinnenministerium über diese Erkenntnisse unterrichtet hat, bevor er mit den Mitgliedern des Kontrollgremiums darüber sprach. Maaßen hätte so möglicherweise seine Dienstpflichten verletzt – was das Dementi erklären würde.
Stimmt die Darstellung des als seriös bekannten RND allerdings nicht, wäre zu überlegen, wer ein Interesse daran haben könnte, falsche Informationen zu streuen, die die Sicherheit des FZ-Geländes tangieren, auf dem hoch-radioaktiver Abfall gelagert wird. Undenkbar, dass ein Verfassungsschutz-Präsident so etwas einfach mal verbreitet, obwohl es gar nicht stimmt.
FZ relativiert die Aufregung
Wenn eine Zeitung falsche Informationen verbreitet, die die nationale Sicherheit betreffen und dazu noch den Chef eines Geheimdienstes brüskieren, würde man erwarten, dass die Betroffenen sich umgehend juristisch zur Wehr setzen. Doch auf Anfrage unserer Zeitung erklärte eine Sprecherin des Verfassungsschutzes gestern, man habe sich über juristische Schritte „noch keine Gedanken gemacht“.
In Jülich war man derweil bemüht die Aufregung zu relativieren. „Alles läuft normal, es gibt keine verschärfte Sicherheitslage“, sagte Jörg Kriewel, Sprecher der Jülicher Entsorgungsugesellschaft für Nuklearanlagen (JEN) im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie alle Einrichtungen in Deutschland, in denen hochradioaktiver Abfall gelagert sei, erfülle auch das Jülicher Zwischenlager alle geforderten Standards. „Lager für Kernbrennstoffe zählen zu den am besten gesicherten Orten in Deutschland“, sagte Kriewel. Auch wenn das Lager seit Mitte 2013 keine Betriebserlaubnis mehr habe, sei in den vergangenen Jahren ein zweistelliger Millionenbetrag in die Sicherheit des Zwischenlagers Jülich investiert worden. Die Atomaufsicht NRW hatte bereits vor zwei Jahren die Betreiber des Jülicher Lagers aufgefordert, die 152 Castoren unverzüglich zu räumen. Da es aber derzeit weder eine Transporterlaubnis für den Jülicher Müll gibt, noch einen Ort, wo die Castoren sicher gelagert werden können, bleibt der Atommüll wo er ist.  ▶ Region & NRW


DAS THEMA: FORSCHUNGSZENTRUM JÜLICH
15.04.2016
Die Angst vor der schmutzigen Bombe
Terroristen hatten einen belgischen Forscher im Visier. Spionierten Islamisten auch das Jülicher Forschungszentrum aus?
Von Detlef Drewes
und René Benden
Brüssel. Plötzlich war die Angst wieder da: Hatte der als Terrorist verhaftete Salah Abdeslam tatsächlich Fotos vom ehemaligen Kernforschungszentrum in Jülich in seiner Wohnung versteckt? Obwohl es in der Bundesrepublik Dementis gab und auch das Forschungszentrum selbst bekräftigte, man habe „keinerlei Hinweise auf eine etwaige Gefährdung“, sorgte die Meldung des Redaktionsnetzwerkes Deutschland (RND) am Donnerstag in Brüssel für große Unruhe. Zwar hielten sich Staatsanwaltschaft und Sicherheitsbehörden bedeckt. „Wir können dazu nichts sagen“, betonte ein Ermittler. „Wenn es solche Informationen geben sollte, hat man sie uns bisher nicht zur Verfügung gestellt.“
Unter Bezug auf Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen und einige Bundestagsabgeordneter hatte es geheißen, die Brüsseler Fahnder hätten in der Wohnung des mutmaßlichen Paris-Attentäters vier Tage vor den Anschlägen in der belgischen Hauptstadt am 22. März Bildmaterial des 1988 abgeschalteten Hochtemperaturreaktors und Aufzeichnungen über den Jülicher Vorstandschef Wolfgang Marquardt gefunden.
Auch ohne Bestätigung sorgte die Nachricht für große Unruhe und Aufmerksamkeit bei den belgischen Medien, passt sie doch zu gut in das Bild der Brüsseler Terror-Zelle. Bereits unmittelbar nach den Anschlägen vom 22. März gab es Hinweise darauf, dass die Extremisten einen belgischen Atomforscher ausspähen wollten, der in der Versuchsanlage Mol tätig war. Dem Vernehmen nach wurden in der Wohnung eines Verdächtigen etliche Stunden Video-Material gefunden, die den Tagesablauf des Wissenschaftlers zeigen sollen. Die Vermutung der Ermittler: Die Terroristen wollten einen führenden Mitarbeiter erpressen, um auf diese Weise an Atommaterial für eine schmutzige Bombe zu kommen. Nur wenige Tage später wurde bekannt, dass der Betreiber des Kernkraftwerkes Tihange bei Lüttich (rund 60 Kilometer von Aachen entfernt) alle Mitarbeiter, die für den Betrieb nicht unbedingt gebraucht wurden, nach Hause geschickt hatte. Vier Mitarbeitern wurde nach Informationen unserer Zeitung zugleich der Zutritt für den inneren Sicherheitsbereich entzogen. Außerdem fanden die Ermittler heraus, dass ein langjähriger Mitarbeiter einer Reinigungsfirma, die im Hochsicherheitsbereich des zweiten belgischen Reaktors Doel arbeitete, als Kämpfer für den „Islamischen Staat“ (IS) nach Syrien gereist und dort gestorben war.
Gefährliche Mitarbeiter
Tatsächlich richtet sich die Fahndung nach weiteren Mitgliedern des extremistischen Netzwerkes in Belgien zunehmend auf solche Personen, die in die sensiblen Bereiche von technischen Großanlagen, Flughäfen und andere Einrichtungen eingesickert sein könnten. Für großes Unverständnis sorgte deshalb auch vor einigen Tagen die Meldung, dass in der Gepäckabfertigung des Brüsseler Airports bis zu 50 Islamisten tätig gewesen seien, von denen einige über Zutrittsberechtigungen auch für die Cockpits abgestellter Maschinen verfügten. „Wir durchleuchten im Moment alles, was uns an Verdachtsmomenten auf den Tisch kommt“, sagte vor wenigen Tagen ein belgischer Anti-Terror-Spezialist.
Wer in den sensiblen Bereichen des Jülicher Zwischenlagers arbeitet, muss sich vorab einer sogenannten Zuverlässigkeitsüberprüfung unterziehen, sagt Jörg Kriewel, Sprecher der Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN), die seit 2015 für die ehemaligen nuklearen Anlagen des Jülicher Forschungszentrums verantwortlich ist. Dazu zählt unter anderem der Nachweis über die Wohnorte in den vergangenen zehn Jahren. Außerdem durchleuchten unterschiedliche deutsche Sicherheitsbehörden die Mitarbeiter.


Wie gefährlich ist der Atommüll im Zwischenlager Jülich?
Spekulationen über das Interesse eines mutmaßlichen Paris-Attentäters an den nuklearen Altlasten der Region sorgen für Unruhe
Jülich. Sind die nuklearen Altlasten auf dem Gelände des Forschungszentrums Jülich (FZJ) Ziel von Terroristen? Geht von den dort lagernden Castoren nun eine erhöhte Gefahr für die Allgemeinheit aus? Nach den Spekulationen, der mutmaßliche Paris-Attentäter Salah Abdeslam habe auch die Hinterlassenschaften der ehemaligen Kernforschungsanlage im Visier, drängen sich einige Fragen auf. Hier die wichtigsten Antworten:
Gibt es eine erhöhte Alarmbereitschaft bei der Jülicher Einrichtung?
Nein. Weder die Jülicher Entsorgungsgesellschaft für Nuklearanlagen (JEN), die seit 2015 für die ehemaligen nuklearen Anlagen im Forschungszentrum verantwortlich ist, noch Sicherheitsbehörden bestätigen eine verschärfte Gefahrenlage für die nuklearen Zwischenlager.
Welche nuklearen Abfälle lagern in Jülich?
Zwar gibt es sehr unterschiedliche Arten von radioaktivem Abfall in Jülich, doch meist ist von den Kernbrennstoffen die Rede, wenn es in Jülich um Atommüll geht. Rund 300 000 hoch radioaktive kugelförmige Brennelemente sind in insgesamt 152 Castoren gefüllt. Die wiederum stehen in einem Zwischenlager. Die Brennelemente stammen aus dem Hochtemperaturreaktor, der bis 1988 in Jülich betrieben wurde. Die Hülle dieses Reaktors wurde in seiner Betriebszeit ebenfalls hochgradig radioaktiv verseucht. Seit 2015 lagert diese Reaktorhülle auch in einem Zwischenlager auf dem Gelände des FZ einige hundert Meter entfernt.
Könnten Terroristen aus den Brennelementen Waffen bauen?
Getreu der Maxime „nichts ist unmöglich“ könnten Terroristen mit einzelnen Brennelementen sogenannte schmutzige Bomben herstellen. Unabhängige Experten halten dieses Szenario jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Aus unterschiedlichen Gründen: Lager mit Kernbrennstoffen zählen zu den am besten gesicherten Einrichtungen in Deutschland. Sollte es dennoch gelingen, Wachpersonal, mechanische Sperren und technische Barriere zu überwinden, ist es so gut wie unmöglich, innerhalb kurzer Zeit einzelne Brennelemente zu stehlen. Die Castorbehälter wiegen mehrere Tonnen und können nicht einfach aus dem Lager transportiert werden. Sie zu öffnen, kostet so viel Zeit, dass ein Entkommen danach unmöglich erscheint.
Könnte durch einen Anschlag auf das Zwischenlager Radioaktivität freigesetzt werden?
Bei den Castorbehältern erscheint das wenig wahrscheinlich, da sie darauf ausgelegt sind, selbst extreme Einwirkungen von außen zu überstehen. Kritiker monieren allerdings das Lager des Reaktorbehälters. Zwar befinden sich ähnlich wie in den Castoren auch im Reaktorbehälter noch Reste der hoch radioaktiven Brennelemente. Da der Behälter insgesamt aber 26 Meter hoch, über 2000 Tonnen schwer und im Verhältnis dazu das radioaktive Material sehr klein ist, wurde er nur als mittlerer radioaktiver Abfall eingestuft. Dementsprechend geringer sind die Sicherheitsstandards. Gegen einen Flugzeugabsturz sei der Behälter nicht ausreichend gesichert, wiederholten die Kritiker in den vergangenen Jahren. Die bundeseigenen Energiewerke Nord (EWN), die mit dem Abbau des Reaktors beschäftigt sind, widersprachen dem. Weil der Behälter mit Porenleichtbeton gefüllt sei, halte auch er extreme Belastungen aus.
Das Castorenlager hat seit Mitte 2013 keine offizielle Betriebserlaubnis mehr. Bedeutet das, dass die Sicherheitsstandards dort geringer sind?
Nicht unbedingt. In den vergangenen Jahren ist ein zweistelliger Millionenbetrag ausgegeben worden, um das Lager den üblichen Sicherheitsstandards anzupassen. Das ändert jedoch nichts daran, dass es nach wie vor eine Räumungsanordnung durch die Atomaufsicht NRW gibt, in der die JEN dazu aufgefordert wird, die Castoren aus dem Lager zu entfernen. Wann das Lager geräumt wird und wohin die Castoren kommen, ist weiterhin unklar. (ben)

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *