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Jülich_Boslar:Die Woche im Rückblick
5000 Mal Bürgerwille

 Über Frohsinn, Lazarus, Frust und Fastenzeit

Volker Uerlings

Der Lazarus hat in Jülich für uns alle die Sünden übernommen und dafür mit dem „Leben“ gebüßt. Das kurze Dasein endet im schlimmen Schicksal, getrieben aber von einer altruistischen Haltung: Das Wohl aller steht über dem Wohl Einzelner. Dieser sehr spezielle Jülicher Ritus war in unseren Breiten das Ende der fünften Jahreszeit, bei der die Jecken während einiger toller Tage „herrschten“. Die Jeckerei ist ja vom Ursprung her deutlich mehr als eine Tusch-Orgie, ein Bützchen-Basar oder ein alkoholgeschwängerter Mummenschanz, wie Auswärtige mitunter vermuten.

Lächelnd – mit einem Bierchen in der Hand – bekamen unsere Karnevalisten die Schlüssel aller Rathäuser überreicht. Hinter dieser „Tradition“ steckt eine ganze Menge, und der Hintergrund ist aktueller denn je: in Koslar, in Welldorf, in Kirchberg, rund um Boslar.

Noch vor Jahrzehnten reichte es dem „gemeinen Volk“, wenn es mal für kurze Zeit das Gefühl haben durfte, „denen da oben“ eins über die Rübe zu ziehen – im übertragenen Sinne. Da ließen sich (auch gewählte) Herrschende kurzfristig vor aller Welt bloßstellen. Die Bayern haben ein Wort für das, was bei uns im Rheinland in der Bütt stattfindet: derblecken. Den Entscheidern im öffentlichen Leben den Spiegel vorzuhalten. Das wirkt aufs meist schweigende Volk befreiend. Danach war auch Ruhe.

Heute geben sich viele Menschen mit ein bisschen Spott nicht mehr zufrieden. Sie haben mehr zu sagen. Sie wollen mehr zu sagen haben. Sie möchten früh und umfassend offensiv informiert werden. Diese Woche lieferte dafür drei Beispiele auf dem Präsentierteller. In Jülich und Linnich haben weit über 5000 Frauen und Männer eindeutig Stellung bezogen, was sie von Plänen in ihrer Nachbarschaft halten. Bevor die Erbsenzähler loslegen, sei ihnen versichert, dass diese Summe bewusst nach unten gerundet wurde. Sicher über 4000 Jülicher haben für den Erhalt der Lehrschwimmbecken unterschrieben, über 1000 Kirchberger gegen die jetzige Planung der Eichhorn-Firmenerweiterung, rund 400 Menschen aus Linnich und Jülich sorgen sich wegen der geplanten Windkraftnutzung bei Boslar.

Also: Ungewöhnlich viele Menschen haben ihre Stimme erhoben. Was haben alle Unterzeichner gemeinsam: Sie sind (zunächst) gescheitert.

Selbstverständlich ist auch das Demokratie, und natürlich gilt hier keine „Mengenlehre“, wonach 5000 eher Recht bekommen als 50. Es geht um Argumente und den Umgang miteinander. Den Bürgern in Kirchberg wurde versprochen, dass all ihre Sorgen und Bedenken im Verfahren geprüft und ernst genommen werden – VOR einer Entscheidung. Das wird sich messen lassen. Die Windkraft-mit-Augenmaß-Vertreter aus Boslar haben das hinter sich und kommen zu einem anderen Schluss.

Die 4000 Jülicher(-innen), die den Erhalt der Lehrschwimmbecken möchten, schauen vollends in die Röhre. Die Ratsmehrheit wirft dem Jül-Chef vor, dass er bei der Begründung des Begehrens (bewusst) mit falschen Zahlen gearbeitet habe und das Begehren deshalb scheitert. Mag sein, dass das stimmt!? Was aber, wenn viele Unterzeichner den Beschluss einfach grundsätzlich einem Bürgerentscheid unterziehen wollten? Sie müssen ihre ganz persönliche Bürgerbeteiligung als großen Frust betrachten. Kalauer zum Schluss: Das wäre keine Mengenlehre, sondern eine Menge Leere. Tusch! Apropos: Schöne Fastenzeit.

v.uerlings@zeitungsverlag-aachen.de

 

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