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Flüchtlingszahl überfordert Schulen

In der Region haben mehr als 100 Kinder keinen Platz. 82 neue Lehrer werden eingestellt. Experten fordern psychologische Betreuung.
Von Madeleine Gullert
Aachen. Die steigende Zahl von Flüchtlingen stellt die Schulen in der Region vor Probleme. Die Plätze in den sogenannten Seiteneinsteigerklassen, die an manchen Schulen auch Internationale Klassen heißen, sind Mangelware. Schon seit Wochen kann 90 Schülern in der Stadt Aachen keine Schule zugewiesen werden, wie das Kommunale Integrationszentrum mitteilt. Diese Zentren verteilen Flüchtlinge, aber auch Zuwanderer aus dem europäischen Ausland, an Schulen. „Kaum haben wir zehn Kinder in Klassen untergebracht, stehen die nächsten auf der Warteliste“, sagt Sevim Dogan, Leiterin des Integrationszentrums.
2014 hatten die Integrationszentren in ganz Nordrhein-Westfalen besonders viel zu tun, weil es einen massiven Anstieg an Flüchtlingen gab. Insgesamt nahm das Land mehr als 40 000 Flüchtlinge auf. Darunter auch viele Kinder, die in NRW anders als in anderen Bundesländern beschult werden müssen. Allein im Regierungsbezirk Köln gibt es 270 Vorbereitungsklassen. „Viele Schulen sind damit überfordert, weil sie nicht genug Personal haben, um diese Situation aufzufangen“, sagt Brigitte Balbach, Vorsitzende des Verbands Lehrer NRW unserer Zeitung.
Das macht sich auch in der Region bemerkbar, insbesondere in Aachen. „Ich leite das Integrationszentrum seit elf Jahren. Noch nie war die Zahl der zu vermittelnden Kinder so hoch wie 2014“, sagt Dogan. Das liegt auch daran, dass wegen der Grenznähe besonders viele unbegleitete Flüchtlinge aufgegriffen werden. Kamen in Aachen 2014 insgesamt etwa 500 Kinder ins Integrationszentrum, waren es im Jahr davor nur 255, also etwa die Hälfte. Auch im Kreis Düren wurden mit 258 Kindern jetzt 98 Schüler mehr vermittelt. „Alle Klassen sind sehr voll, teilweise übervoll“, sagt Sybille Haußmann, Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums im Kreis Düren. In der Städteregion Aachen (220 Schüler) und im Kreis Heinsberg (180) sind ebenfalls alle Standorte ausgelastet. „Darauf waren wir nicht vorbereitet“, sagt Asim Ademi, der in Eschweiler, Stolberg, Würselen und in der Eifel Kinder an die Schulen vermittelt. Bei Ademi sind ein Dutzend Kinder auf der Warteliste.
Kinder sollen eigentlich nach zwei Jahren in Regelklassen wechseln. Das ist aber nicht immer möglich, wie Balbach erklärt. So entsteht ein Rückstau. Außerdem weiß niemand, „wie viele Kinder wohin kommen“, sagte Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Das Ministerium erwartet aber für 2015 einen weiteren Anstieg.
Fürs Unterrichten der Flüchtlingskinder stellt das Land in diesem Jahr 300 zusätzliche Lehrer ein. Das kostet 14,2 Millionen Euro. Eine „Mogelpackung“, moniert Balbach. Zum 1. Februar 2015 sind demnach in ganz NRW nur etwa 70 Stellen ausgeschrieben worden. Auch die Bezirksregierung Köln hat zurzeit lediglich elf Stellen ausgeschrieben. Von den 300 werden 82 im Regierungsbezirk eingerichtet. Bis zum 1. August dieses Jahres sollen jedoch alle Stellen besetzt sein, wie eine Sprecherin der Bezirksregierung gestern mitteilte. Das könnte sich laut Balbach jedoch als schwierig gestalten, weil es einen Mangel an qualifizierten Lehrern gebe. „Wir müssen mehr Lehrer fortbilden, die Deutsch als Fremdsprache beherrschen“, stimmt Berthold Paschert, Sprecher der Lehrergewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) NRW zu.
Die Mitarbeiter der Kommunalen Integrationszentren schätzen den Bildungsstand der Kinder ein und entscheiden dann, an welche Schulform die Kinder kommen und auch, ob sie direkt eine reguläre Klasse oder eine Seiteneinsteigerklasse besuchen können. Im Kreis Heinsberg konnten beispielsweise von den 180 vermittelten Kindern 70 direkt Regelklassen besuchen, 110 mussten in Förderklassen. „Manche Kinder haben eine sehr gelungene Bildungsbiografie, andere haben noch nie eine Schule besucht“, erklärt Dogan.
Flüchtlingskinder, die seit 2014 in unsere Region kommen, stammen meist aus Syrien. Die Zahl der Zuwandererkinder, die in den Kreisen Düren und Heinsberg die Zahl der Flüchtlingskinder übersteigt, stammen aus Polen, Rumänien, Mazedonien, Griechenland, Serbien und Albanien. „Manche Eltern rufen uns an und informieren sich, bevor sie nach Deutschland kommen“, sagt Dogan.
Die Integration in die Schule sei meist leichter als bei Flüchtlingskindern, auch weil diese zusätzlich mit anderen Problemen zu kämpfen haben. Viele sind traumatisiert. GEW und Lehrer NRW fordern deshalb psychologische Betreuung. „Es bedarf einer Unterstützung durch Schulpsychologen, Schulsozialarbeiter und Dolmetscher“, sagt Balbach.
„Darauf waren wir
nicht vorbereitet.“
Asim Ademi, Mitarbeiter des Integrationszentrums der Städteregion Aachen

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