Freie und unabhängige Wählergemeinschaften in Aldenhoven, Inden, Jülich, Linnich, Merzenich, Titz, Vettweiß und Piratenpartei

Entsetzen im Klinikum
Pfleger machen entwürdigende Fotos von Patienten

Aachen. Mehrere Mitarbeiter des Pflegedienstes in der Notaufnahme des Aachener Universitätsklinikums haben teils entwürdigende Fotos von Patienten gemacht und sie in einer Gruppe des Kurznachrichtendienstes Whats-App veröffentlicht. Die Leitung des Klinikums bestätigte gestern entsprechende Recherchen unserer Zeitung. Vier dieser Mitarbeiter sei im September fristlos gekündigt worden, hieß es gestern. Über das diesbezügliche Fehlverhalten weiterer Mitarbeiter ist noch nicht entschieden worden.
Bei den Fotos handelt es sich in erster Linie um sogenannte Selfies. Die betreffenden Mitarbeiter des Pflegedienstes hatten sich mit dementen oder anderweitig in ihrem Bewusstsein eingeschränkten Patienten fotografiert und hatten sie zu diesem Zweck geschminkt oder verkleidet. Weitere Fotos zeigen nackte Körperteile von Patienten. Es wurden auch Fotos gepostet, auf denen die Mitarbeiter beim „Drogenkonsum“ im Klinikum zu sehen sind. Mathias Brandstädter, Sprecher des Klinikums, betonte gestern, dass es sich dabei keinesfalls um echte Drogen gehandelt habe. „Wir distanzieren uns scharf von diesen Vorgängen“, sagte er. (gego)  ▶ Region & NRW
Sa, 18. Okt. 2014
Dürener Nachrichten / Region AN Titel / Seite 9
Wenn es Nacht wird im Klinikum
Am Krankenhaus der RWTH Aachen sind von Mitarbeitern der Notaufnahme entwürdigende Fotosvon wehrlosen Patienten gemacht und ins Internet gestellt worden. Wie konnte es so weit kommen?
Von Marlon Gego
Aachen. Der einzige Hinweis kam anonym, und er kam wohl auch zu spät. Als die Geschäftsführung des Aachener Universitätsklinikums von den beschämenden Fotos erfuhr, die ihre Mitarbeiter im größten Krankenhaus der Region gemacht hatten, waren sie lange in der Welt. Wie lange genau, lässt sich mit Sicherheit nicht mehr feststellen. Und wer diese Fotos alle gesehen, wer sie wo in den Weiten des Internets geteilt, wer sie gespeichert oder vervielfältigt hat, werden die Patienten, deren Fotos nun in der Welt sind, nie erfahren.
Im Klinikum wird seit einigen Wochen hinter vorgehaltener Hand vor allem über die entwürdigenden Fotos gesprochen, die Mitarbeiter der Notaufnahme gemacht und auf dem Kurznachrichtendienst WhatsApp verbreitet hatten. Nach Recherchen unserer Zeitung hatten mehrere Mitarbeiter Selfies mit Patienten gemacht, die zu diesem Zweck geschminkt und verkleidet wurden. Eine Einwilligung der Patienten lag natürlich nicht vor, die Patienten waren dement oder anderweitig in ihrem Bewusstsein eingeschränkt.
Es wurden Fotos von nackten Körperteilen einzelner Patienten gepostet und Fotos, auf denen Mitarbeiter des Pflegedienstes nachts beim vermeintlichen Drogenkonsum zu sehen sind. Dass es sich nach Darstellung der Klinikumsleitung nicht um echte Drogen gehandelt habe, sondern um Gips, spielt da schon nur noch eine untergeordnete Rolle.
Gestern nun bestätigte die Klinikumsleitung die Recherchen unserer Zeitung in vollem Umfang. Klinikumssprecher Mathias Brandstädter sprach von einem „nicht akzeptablen Werte- und Vertrauensbruch“, der „schnell und konsequent geahndet“ worden sei: Vier Mitarbeitern des Pflegedienstes in der Notaufnahme wurde fristlos gekündigt. Nach Informationen unserer Zeitung sind allerdings noch weitere Mitarbeiter betroffen, denen ebenfalls arbeitsrechtliche Konsequenzen drohen. Brandstädter wollte dies mit Verweis auf eine „interne Personalangelegenheit“ nicht bestätigen.
Erst durch einen anonymen Hinweis wurde die Klinikumsleitung über die Vorgänge in der Notaufnahme informiert. Wer den Hinweis gab, sei bis heute nicht bekannt, erklärte Brandstädter. Insgesamt sei dies für das Klinikum „ein unschöner Vorgang, der uns sehr betroffen macht“, sagte Brandstädter. Er betonte jedoch, dass durch die Vorfälle „Patienten nicht zu Schaden gekommen und Behandlungsabläufe nicht gestört worden sind“.
Für Harald Meyer ist „die Verunglimpfung von Patienten absolut nicht hinnehmbar“. Meyer ist im Verdi-Bezirk Aachen-Düren-Erft als Gewerkschaftssekretär zuständig für Gesundheit und Soziales, viele Pfleger und Krankenschwestern des Klinikums sind bei Verdi organisiert. Aber bei aller Empörung über die Vorfälle am Klinikum stellt Meyer auch folgende Frage: „Wie kommt es, dass Menschen, die sich bewusst dafür entschieden haben, in einem Pflegeberuf zu arbeiten, zu solchem Verhalten fähig sind?“ Menschen, die sich entschieden haben, anderen zu helfen? Die Antwort gibt er selbst: Die alltägliche Belastung der Pfleger und Schwestern sei derart groß geworden, dass manche psychisch krank würden. „Und andere flüchten sich eben in Zynismus“, sagt Meyer, wie die betroffenen Mitarbeiter am Klinikum.
Er will die Vorfälle dadurch nicht entschuldigen, aber er glaubt, dass es an den Krankenhäusern „ein strukturelles Problem“ gibt. Pfleger und Schwestern arbeiteten durchschnittlich nur noch acht Jahre lang in ihrem Beruf, „extrem wenig“, sagt Meyer. Nach diesen durchschnittlich acht Jahren seien die Grenzen ihrer Belastbarkeit überschritten. Betroffen seien Mitarbeiter aller Krankenhäuser in Deutschland – nicht nur im Klinikum.
„Mitarbeiter in Heilberufen generell sind immer auch mit Trauer, Leid und persönlichen Schicksalen konfrontiert“, sagte Klinikumssprecher Brandstädter. Dennoch kann er in den Vorfällen in der Notaufnahme kein strukturelles Problem erkennen. Er sprach gestern von „individuellem Fehlverhalten“. In der 30-jährigen Geschichte des neuen Aachener Klinikums seien dies „Einzelfälle und somit die absolute Ausnahme“, sagte Brandstädter.
Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass einige der Fotos justiziabel sind. In Betracht käme etwa die Misshandlung von Schutzbefohlenen, die dem Strafgesetzbuch zufolge mit einer Freiheitsstrafe zwischen sechs Monaten und zehn Jahren geahndet wird. Die Klinikumsleitung aber hat darauf verzichtet, Anzeigen zu erstatten und es bislang bei fristlosen Kündigungen bewenden lassen. „Wir sehen in dem Verhalten ein disziplinarisches Vergehen, keine Straftat“, sagte Brandstädter.
Waren Vorgesetzte involviert?
Des Weiteren geht die Klinikumsleitung trotz gegenteiliger Gerüchte nicht davon aus, dass Vorgesetzte der Pflegedienstmitarbeiter von dem Fehlverhalten gewusst oder es gar geduldet haben könnten. „In jedem Betrieb, in dem selbstständig und eigenverantwortlich gearbeitet wird, besteht unabhängig vom Vorgesetzten auch die Möglichkeit zu Fehlverhalten“, sagte Brandstädter.
Eine Konsequenz hat die Klinikumsleitung allerdings doch gezogen. Obwohl die Bestimmungen in den Arbeitsverträgen eindeutig sind, sei nach Bekanntwerden der Vorfälle eine Social-Media-Richtlinie erlassen worden, sagte Brandstädter gestern. An die hätten sich nun alle Mitarbeiter zu halten.
Entlassungen bereits kompensiert
In der Notaufnahme des Aachener Klinikums arbeiten etwa 40 Ärzte und 20 Mitarbeiter des Pflegedienstes. Durch die Entlassung der vier Pfleger wurde der Personalstand des Pflegedienstes de facto um 20 Prozent reduziert. Das Klinikum teilte mit, die Entlassungen bereits kompensiert zu haben.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *