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Der Versorger will Umsorger werden

Bei RWE geht es weiter bergab . Der Konzern setzt auf Abspaltungen und Dienstleistungen. Geld für Investitionen wird benötigt.
Von Rolf Schraa
und Erik Nebel
Essen. Mit einem Dampfer in stürmischer See – obendrein bei Nebel – hat RWE-Chef Peter Terium gestern bei der Bilanz-Pressekonferenz sein Unternehmen verglichen. Um Teriums Bild fortzusetzen: Auf dem Schiff sitzen 60 000 Passagiere, die Mitarbeiter, die auf eine unfallfreie Überfahrt hoffen. Doch die Lage ist ernst. Im vergangenen Jahr war RWE vor allem wegen Abschreibungen auf die Großkraftwerke und negativer Steuereffekte in die roten Zahlen gerutscht. Unter dem Strich stand ein Fehlbetrag von 170 Millionen Euro nach einem Gewinn von 1,7 Milliarden Euro 2014. Der Absturz im Tagesgeschäft dürfte sich in diesem Jahr beschleunigen. Konzernweit will RWE auch deswegen die Kosten bis 2018 um weitere 500 Millionen Euro drücken. Bislang wollte RWE zwei Milliarden Euro einsparen.
Was ist das Problem?
Mit seinem wichtigsten Geschäftsfeld, der Stromerzeugung, verdient RWE seit Jahren immer weniger Geld. Der Börsenstrompreis liegt aktuell bei nur 20 Euro pro Megawattstunde, das Doppelte wäre laut RWE nötig, um Kraftwerke und Kapitalkosten abzudecken. Noch verkauft RWE zu höheren Preisen der Vergangenheit, weil Stromkontrakte für Jahre im Voraus abgeschlossen werden. Das wird aber bald enden. Für das laufende Jahre sagt RWE bereits deutlich gesunkene Betriebsgewinne im Konzern voraus. Schon 2017 oder 2018 könnte es rote Zahlen im Stromgeschäft geben.
Was wäre die Folge?
Weitere Einsparungen und wohl Personalabbau. Schon jetzt spricht RWE-Vize Rolf Martin Schmitz von einem neuen Sparprogramm für die Braunkohle. Durch die schrittweise Abschaltung von fünf Braunkohleblöcken im Rheinischen Revier wird mit dem Abbau von etwa 1000 Arbeitsplätzen gerechnet. Diese Zahl ist bekannt.
Was tut RWE dagegen?
RWE teilt sich auf. Die erneuerbaren Energien werden in eine neue Gesellschaft gebracht, die voraussichtlich Ende des Jahres an die Börse geht. Von den Einnahmen sollen weitere Wind- und später auch Photovoltaikkraftwerke finanziert werden. Die Erneuerbaren laufen bereits: 2015 haben sich die Gewinne der Wind- und Wasserkraftwerke mehr als verdoppelt.
Wie ist der Fahrplan?
RWE spaltet zum 1. April die Erneuerbaren-Sparte, die Netze und den Vertrieb ab. Dort werden rund zwei Drittel der knapp 60 000 RWE-Beschäftigten arbeiten. Die bisherige RWE AG führt unter anderem die Kraftwerke und den Energiehandel. Die Zukunftsgesellschaft werde nach der Gründung am 1. April zunächst RWE International SE heißen, sagte Terium. Im Sommer will RWE dann den endgültigen Namen bekanntgeben. Essen bleibt auch nach dem radikalen Umbau Hauptsitz des Unternehmens.
Was sagen Experten dazu?
Energieexperten wie Professor Uwe Leprich von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Saarbrücken sind skeptisch. RWE stehe vor der enormen Last des Rückbaus der Kernkraftwerke. Dafür müsse RWE neben den Rückstellungen wohl noch viel Tafelsilber verkaufen, sagt Leprich. Und die Aussichten bei den erneuerbaren Energien? „Da sind schon viele ausgeschlafene Akteure am Markt, da wartet niemand auf RWE.“
Was erwartet RWE von der Politik?
Der Konzern setzt auf einen Kompromiss bei der Verteilung der Kosten für den Atomausstieg. Zudem pocht die Branche darauf, dass Kohle- und Gaskraftwerke als verlässliche Reserve weiter gebraucht werden, um Stromausfälle in Zeiten mit einem geringen Ökostromangebot zu verhindern.
Was spricht zudem für RWE?
Das Unternehmen besteht seit über 100 Jahren und ist tief mit der deutschen Energiewelt verbunden – über Beteiligungen an Stadtwerken, Regionalgesellschaften und Millionen Gas- und Stromkunden. In der neuen Energiewelt, in der immer mehr Kunden selbst Strom erzeugen und ins Netz einspeisen wollen, ist der traditionelle Versorger mit seinem langjährigen Know-how auch erster Ansprechpartner für neue Dienstleistungsangebote. Damit könnte RWE dauerhaft Geld verdienen. „Wir entwickeln uns vom reinen Versorger zum Umsorger“, sagt Terium. Wobei: Einige Kommunalvertreter nehmen RWE die Streichung der Dividende übel und drohen damit, Konzessionsverträge für die Stromdurchleitung künftig mit RWE-Konkurrenten abzuschließen.
Wird RWE es schaffen, den Dampfer wieder „hochseetauglich“ zu machen, wie Terium es verspricht?
Das hängt maßgeblich von einem Erfolg des Börsengangs ab. Sollte er missglücken, fehlt das Geld für Zukunftsinvestitionen.

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