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Chemie-Einsatz gegen Legionellen in Weisweiler

Eschweiler. Im Kraftwerk Weisweiler werden nun doch Biozide eingesetzt, um die hohe Konzen-tration an Legionellen im Block F einzudämmen. Das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen und der Betreiber RWE verständigten sich darauf, spätestens morgen die chemische Keule auszupacken. Hintergrund sollen die nach wie vor hohen Werte nach der thermischen Säuberung des Kühlwassersystems sein. Weder die Bezirksregierung noch der Energiekonzern nennen jedoch die konkreten Messergebnisse. Nach Informationen unserer Zeitung ist die Legionellen-Belastung nach der Reinigung kaum zurückgegangen.
Das Weisweiler Kraftwerk steht als potenzielle Quelle für eine Legionellose-Welle in Jülich in Verdacht. Dort waren in den vergangenen Wochen 39 Menschen an der spezifischen Lungenentzündung erkrankt. Der Legionellen-Serotyp 5, der die Welle ausgelöst hat, wurde bisher allerdings nicht im Weisweiler Kühlwasser gefunden. (pan)  ▶ Region & NRW

Chemische Keule gegen die Legionellen
Thermische Reinigung im Kraftwerk Weisweiler ohne Erfolg. Keine Angaben von RWE und Bezirksregierung zur Belastungshöhe.
Von Patrick Nowicki
Eschweiler. Im Kampf gegen die Legionellen im Kraftwerk Weisweiler setzen das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen (Lanuv) und der Energiekonzern RWE nun auf Chemie. Spätestens am Mittwoch sollen dem Kühlwasser in Block F Biozide zugesetzt werden. Damit soll die Konzentration der Erreger, die in Verbindung mit Wasserdampf gefährliche Lungenentzündungen auslösen können, deutlich eingedämmt werden. Der betroffene 300-Megawatt-Braunkohleblock wird dafür nicht abgeschaltet: Die im Kühlsystem herrschenden Temperaturen würden sogar die vom Biozid ausgelösten Prozesse begünstigen, hieß es in RWE-Kreisen. Das Kühlwasser soll in die Kläranlage gegeben werden.
Entschluss am Freitagabend
Nach Informationen unserer Zeitung fassten Lanuv, Bezirksregierung und RWE Power in einer Telefonkonferenz am Freitagabend den Entschluss, die chemische Keule einzusetzen, nachdem auch nach der umfangreichen Reinigung des Blockes F wieder erhöhte Werte festgestellt worden waren. Allerdings muss eine schriftliche Genehmigung der Bezirksregierung erteilt werden, das Kühlwasser anschließend ableiten zu dürfen. Diese lag gestern Mittag dem RWE noch nicht vor. Die Reinigung im laufenden Betrieb übernimmt eine Fachfirma, die auch schon in anderen Kraftwerken gegen die Erreger vorgegangen ist. Man sei 100-prozentig davon überzeugt, dass der Einsatz von Bioziden zum Erfolg führe, teilte ein leitender Mitarbeiter des RWE unserer Zeitung mit.
Dass sich in Kühlwasseranlagen die Erreger befinden, ist normal. Die Einzeller finden bei Temperaturen zwischen 25 und 50 Grad Celsius ideale Bedingungen. In kleineren Rückkühlanlagen werden häufiger Biozide eingesetzt, in Kraftwerken ist dies selten. Nach den Ereignissen in Warstein ist der RWE-Konzern dazu übergegangen, die bisherige sporadische Beprobung der Kühlwassersysteme monatlich vorzunehmen. Allerdings weist man in Weisweiler darauf hin: „Das Kraftwerk steht nun seit 1955 – und bisher ist noch kein Mitarbeiter an einer Legionellen-Infektion erkrankt.“ In dem Kühlbereich, in dem Wasserdämpfe die Legionellen in die Lungen tragen können, herrscht ohnehin Mundschutz-Pflicht. Dies gebiete der Arbeitsschutz.
Das Kraftwerk steht im Verdacht, eine Welle mit Lungenerkrankungen in Jülich ausgelöst zu haben. Bei einer Messung stellte man fest, dass der Block F 61 500 Legionellen-Einheiten pro 100 Milliliter Kühlwasser aufweist. In einer VDI-Richtlinie für industrielle Rückkühlwerke wird ein Gefahrenwert von 1000 Legionellen genannt. Der Block wurde vorsorglich heruntergefahren und dessen Kühlsystem thermisch gereinigt. Das bedeutet, dass man das Wasser auf über 60 Grad erhitzte und damit die Bakterien abtötete. Bei der Analyse in einem Fachlabor in Dresden wurde der Legionellen-Serotyp 5, der die Erkrankungen in Jülich ausgelöst hat, allerdings bislang nicht in den Weisweiler Proben gefunden. RWE nahm den Block wieder ans Netz und einigte sich mit der Bezirksregierung darauf, alle zwei Tage Proben zu ziehen. Die neuen Ergebnisse führten zum Entschluss, nun Biozide beizumischen. Wie hoch die Belastung mit Legionellen aktuell ist, wollten geste rn weder RWE noch Bezirksregierung auf Anfrage mitteilen. Nach Informationen unserer Zeitung ist die Belastung nach der Reinigung aber kaum zurückgegangen.
Manche Experten vermuten, dass sich schon Menschen an Legionellen aus dem Kraftwerk angesteckt haben: „Wir haben eine riesige Dunkelziffer –mindestens 1:20 – bei der Erkennung von Legionellosen“, sagt Gero Beckmann vom Institut Romeis. Der Fachtierarzt für Mikrobiologie und Hygieniker nennt auch Beispiele, wonach man die Legionellen-Situationen in einem Kraftwerk nicht in den Griff bekommen habe. Er zählt dazu das schweizer Atomkraftwerk im Kanton Aargau. Dort habe man mit Sondergenehmigung eines der schärfsten Desinfektionsmittel überhaupt, Natrium-Hypochlorit, angewendet – vergeblich.
Von der Bezirksregierung in Köln war gestern keine Antwort zu bekommen, welches Biozid in welchen Mengen in Weisweiler verwendet werden soll. Auch über die anschließende Entsorgung des mit Biozid versetzten Wassers machte die Behörde gestern keine Angabe.
Der Legionellose-Ausbruch in Jülich ist mit 39 Fällen der drittgrößte in Deutschland nach Warstein 2013 mit 165 Erkrankten und Ulm vor vier Jahren mit 65 Patienten.
Biozid geht in mehreren Schritten gegen die Bakterien vor
Legionellen befinden sich in allen Kühlwasseranlagen in Kraftwerken. Sie siedeln in sogenannten Biofilmen und lassen sich deswegen nicht immer in gleicher Menge im Kühlwasser nachweisen. Bestimmte Ereignisse können jedoch eine Vermehrung auslösen, wodurch sie vermehrbare freie Bakterien absondern. Dies kann explosionsartig geschehen.
Das Biozid-Verfahren, das im Weisweiler Kraftwerk geplant ist, sieht im ersten Schritt vor, die Biofilme mit einem sogenannten Biodispergator zu lösen. Im zweiten Schritt werden die dann abgetrennten Bakterien mit einem Biozid abgetötet und das Kühlwasser teilweise ausgespült.
Von dem Zersetzungsprozess bleiben im Abwasser lediglich organische Stoffe übrig. Somit kann es in den Kanal und im Falle des Kraftwerks Weisweiler in die Kläranlage geleitet werden. Um die Belastung des Wassers zu kontrollieren, wird der Chemische Sauerstoff Bedarf (CSB) regelmäßig ermittelt.
Es kann durchaus vorkommen, dass erst nach mehreren Durchläufen das Kühlsystem weitgehend bakterienfrei ist. Im Weisweiler Kraftwerk geht man von einem Biozid-Einsatz von mehreren Tagen aus.
„Das Kraftwerk steht nun seit 1955 – und bisher ist noch kein Mitarbeiter an einer Legionellen-Infektion erkrankt.“
Ein leitender Kraftwerksmitarbeiter
„Wir haben eine riesige Dunkelziffer –mindestens 1:20 – bei der Erkennung von Legionellosen.“
Gero Beckmann, Hygieniker

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