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Belgiens Angst vor dem Blackout_„Russisches Roulette“ in Belgien

Nach einem weiteren Zwischenfall im Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich stellt sich die Frage: Warum wehrt sich die belgische Bevölkerung eigentlich nicht gegen die 40 Jahre alten Pannenreaktoren?
Von Madeleine Gullert und Marlon Gego
Aachen. Dass es am späten Freitagabend einen weiteren Vorfall im belgischen Atomkraftwerk Tihange bei Lüttich gab, hat in Deutschland niemanden mehr überrascht, überraschend ist eher, dass der französische Energiekonzern Electrabel die Pannenreaktoren einfach am Netz lassen darf. Doch die an Vor- und Zwischenfällen reiche Geschichte Tihanges interessiert die Belgier und ihre Politiker offenbar nur am Rande, anders ist es kaum zu erklären, dass die Bevölkerung nicht gegen die Gefahren demonstriert, die vom AKW Tihange ausgehen.
Brand in nicht-nuklearem Bereich
Der Reaktor 1 war am Freitagabend nach einem Brand in einem nicht-nuklearen Bereich der Anlage automatisch heruntergefahren worden. Das Feuer sei schnell von der Feuerwehr gelöscht worden, teilte das Betreiberunternehmen Electrabel am Wochenende im Gespräch mit unserer Zeitung mit. Der Zwischenfall habe keine Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt.
Eine Umfrage hatte kürzlich ergeben, dass die Mehrheit der Belgier der Atomkraft durchaus kritisch gegenübersteht, sagte der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer gestern auf Anfrage unserer Zeitung. „Doch auf der anderen Seite werden in Belgien immer wieder Ängste eines drohenden Blackouts geschürt, falls die beiden Atomkraftwerke Tihange und Doel abgeschaltet werden“, sagte Krischer.
Dabei ist diese Angst bei objektiver Betrachtung unberechtigt. Belgien ist ans europäische Verbundnetz angeschlossen, in der EU gibt es einen Überschuss an produziertem Strom. „Allein mit den stillgelegten deutschen Gaskraftwerken könnte ein großer Teil des belgischen Energiebedarfs sichergestellt werden“, sagte Krischer weiter. Dass die Menschen in Belgien nicht zu Zehntausenden gegen ihre alten Atomkraftwerke demonstrieren, hält er, zumindest aus deutscher Sicht, für schwer nachvollziehbar.
In Deutschland indes steigt die Sorge vor weiteren Problemen besonders im 1975 eröffneten AKW Tihange, selbst die ZDF-Nachrichtensendung „heute“ berichtete gestern über den neuerlichen Zwischenfall. Jörg Schellenberg, Sprecher des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomkraft, hofft, dass sowohl die Bundesregierung als auch die Europäische Union endlich Druck auf die belgische Regierung ausüben. „In den Unterlagen der belgischen Atomaufsicht FANC steht Schwarz auf Weiß, auf welch niedrigem Sicherheitsniveau die belgischen Atomkraftwerke betrieben werden. Man muss die Unterlagen nur einmal lesen“, sagte Schellenberg.
Auch Krischer glaubt, dass es für die Bundesregierung an der Zeit ist, ernsthaft Druck auf Belgien auszuüben. Damit die Pannenreaktoren in Tihange und Doel endlich stillgelegt werden, muss Krischers Ansicht nach der öffentliche Druck weiter erhöht werden: entweder durch die Bundesregierung – oder durch die belgische Bevölkerung.  ▶ Seite 8
Kundgebung am Dienstag in Aachen
Das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie hat gestern spontan zu einer Kundgebung am Dienstagabend am Aachener Elisenbrunnen eingeladen. „Unter dem Motto ,Stop Tihange – es reicht’ werden Bürger dort fordern, das Atomkraftwerk Tihange 2 sofort und endgültig stillzulegen“, teilte ein Sprecher des Bündnisses gestern mit. Beginn ist um 18 Uhr, die Veranstaltung soll eine Stunde dauern. Als Redner wurde unter anderem Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) eingeladen.


Reaktorblock 1 brennt, ein Mitarbeiter erleidet einen Stromschlag: Politiker äußern sich am Wochenende fassungslos darüber, dass die belgischen Pannen-Atomkraftwerke nicht endlich abgeschaltet werden
Von Madeleine Gullert
Aachen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung fordert das Aus für das belgische Pannen-AKW Tihange. „Merkel und das Bundesumweltministerium müssen jetzt Abschaltgespräche mit Belgien aufnehmen“, forderte NRW-Umweltminister Johannes Remmel am Samstag im Kurznachrichtendienst Twitter. Er wolle die dauerhafte Abschaltung erreichen, teilte das Ministerium unserer Zeitung auf Anfrage mit. „Das Land NRW hat seine rechtlichen und politischen Möglichkeiten ausgeschöpft. Jetzt muss es darum gehen, den politischen Druck auf die Regierung Belgiens zu erhöhen“, sagte Remmel laut Ministerium. Anlass war ein erneuter Zwischenfall in dem Atomkraftwerk bei Lüttich, das nur 60 Kilometer von Aachen und 90 Kilometer von Düren und Jülich entfernt liegt. Im Reaktorblock 1 brannte es Freitag am späten Abend im nicht-nuklearen Bereich, wie Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers Electrabel, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Daraufhin habe si ch der Block in dem belgischen AKW automatisch abgeschaltet. „Das ist ein üblicher Vorgang“, sagte Hugé. Gegen 22.35 Uhr habe sich der Vorfall ereignet, der Brand war im Stromschaltkreis entstanden, um 22.55 Uhr habe die Feuerwehr den Brand unter Kontrolle gehabt, wie Hugé erklärte. Der Vorfall habe aber weder auf die Arbeiter in dem AKW noch auf die Bevölkerung oder Umwelt Auswirkungen, hieß es weiter. Electrabel suchte das ganze Wochenende nach der Brandursache. Die Planungen zum Wiederanfahren sind dennoch schon in Gang.
Zeitgleich zum Brand erlitt am Freitagabend ein Angestellter im AKW Tihange einen Stromschlag, wie Hugé sagte. Der Vorfall habe laut Electrabel aber nichts mit dem Brand in Tihange 1 zu tun. Der Unfall sei auf einer anderen Etage passiert. Laut Electrabel habe der Arbeiter ein Kribbeln gespürt, sei dann ins Krankenhaus eingeliefert worden, weil das Protokoll dies so vorsehe. Der Mitarbeiter habe schnell wieder nach Hause gekonnt, sagte Hugé.
Es ist nicht der erste Vorfall in Tihange. Am 18. September war der Meiler zuletzt wegen technischer Probleme abgeschaltet worden. Die automatische Abschaltung erfolgte damals aufgrund eines Problems an einer Wasserpumpe im Reaktorblock 1. Der Reaktor war damals erst wenige Tage zuvor wieder in Betrieb genommen worden. 2014 musste Reaktorblock 3 wegen eines Brandes heruntergefahren werden.
NRW wäre unmittelbar nach einem Unfall durch den radioaktiven Fallout bis weit ins Ruhrgebiet betroffen, hieß es weiter. „Seit Jahren nehmen die Probleme in den belgischen Atomkraft-Anlagen zu“, kritisiert Remmel. Die Bundesregierung kenne all diese Missstände und auch die Befürchtungen aus NRW. „Bisher hat die Bundesregierung Nordrhein-Westfalen aber im Stich gelassen“, sagte Remmel. Diese Haltung in Berlin müsse sich ändern. „Frau Merkel darf die Menschen in NRW nicht länger alleine lassen.“ Nun sei eine Kehrtwende in Belgien nötig, „damit endlich die Sicherheitsvorsorge höher gewichtet wird als die schnelle Dividende für den Betreiber“. Auch Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) forderte per Twitter, dass Tihange vom Netz müsse. „Endgültig.“
Am meisten Sorgen bereitet Politikern und Umweltaktivisten in Deutschland aber nicht der Brand im Reaktorblock 1, sondern der umstrittene Reaktorblock 2. Er war von März 2014 bis vergangenen Montag wegen Tausender Haarrisse im Reaktordruckbehälter abgeschaltet gewesen. Die belgische Atomaufsichtsbehörde FANC hatte nach monatelanger Prüfung am 17. November aber beschlossen, dass Tihange 2 und Doel 3, der sogar noch mehr Risse aufweist, wieder ans Netz gehen können. Betreiber Electrabel habe zeigen können, dass die Risse in den Reaktorblöcken keinen „inakzeptablen Einfluss“ auf die Sicherheit hätten. Tihange 2 läuft nun seit einer Woche wieder.
Auch die Vorbereitungen für das Wiederanfahren von Doel 3 bei Antwerpen, etwa 150 Kilometer von Aachen entfernt, hatten laut Electrabel etwas länger gedauert. Eigentlich hätte Doel 3 vergangenes Wochenende wieder angefahren werden sollen. „Das nun angepeilte Wiederanfahr-Datum ist Montag, der 21. Dezember“, also heute, sagte Anne-Sophie Hugé unserer Zeitung am Wochenende. Man habe sich selbst Transparenz verordnet und informiere offen über alle Vorfälle und Schritte, sagte die Electrabel-Sprecherin weiter.
Eine Bedrohung für die Region
Doch besonders in der Region Aachen, Düren, Heinsberg gibt es harsche Kritik an den Rissreaktoren. Der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer (Grüne) setzt sich seit Jahren für ein Abschalten der Pannenmeiler ein. Am Samstag äußerte er sich erneut zu Tihange 2 und Doel 3: „Was muss denn noch passieren, bis dieser Schrott stillgelegt wird“, sagte Krischer, der den Betrieb von Tihange 2 und Doel 3 nicht zum ersten Mal als „russisches Roulette“ bezeichnete. Tihange bedrohe die Menschen in der gesamten Region.
„Was muss denn noch passieren, bis dieser Schrott stillgelegt wird?“
Oliver Krischer (Grüne), Dürener Bundestagsabgeordneter

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