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Belgien_Zwei Atomreaktoren können möglicherweise nie mehr ans Netz

Zwei Atomreaktoren können möglicherweise nie mehr ans Netz. Auch die übrigen sind sehr alt. Wird der Strom knapp?
Von Detlef Drewes
und Christian Rein
Brüssel/Lüttich. Es ist ein Horror-Szenario, mit dem sich die Politik in Belgien gerade befasst: Zig Gemeinden könnten im Winter – zumindest stundenweise – ohne Strom dastehen. Zahlreiche Industrie-Anlagen müssten gegebenenfalls für Tage heruntergefahren werden, um Energie einzusparen. In den öffentlichen Gebäuden würden die Lichter auf Notbeleuchtung umgestellt werden. Wo immer es geht, wären Verbraucher und Wirtschaft gehalten, ihren Stromverbrauch einzuschränken.
„Nein, das ist leider kein schlechter Scherz“, bestätigte Energie-Staatssekretärin Catherine Fonck jetzt erstmals öffentlich. Dabei ist das Szenario damit noch nicht beendet. Denn die Ursache für die belgischen Probleme könnte auch die Energieversorgung in anderen Mitgliedstaaten der Europäischen Union treffen – Deutschland eingeschlossen.
Risse in den Druckbehältern
Belgien besitzt zwei Atomkraftwerke, die beide seit Jahren zu den europäischen Sorgenkindern gehören: Doel bei Antwerpen verfügt über vier Blöcke, Tihange in der Nähe von Lüttich über drei Reaktoren. Sollten tatsächlich einmal alle Meiler am Netz sein, liefern sie 5700 Megawatt, rund 55 Prozent des Stromverbrauchs für zehn Millionen Einwohner. Doch etwa 3000 Megawatt (vier von sieben Blöcken) sind derzeit abgeschaltet. Das ist kein Problem im Sommer, aber eine Katastrophe im Winter.
Im März waren Doel 3 und Tihange 2 zum widerholten Male heruntergefahren worden. Hintergrund sind rund 8700 Risse (Doel 3) beziehungsweise rund 2000 Risse (Tihange 2), die bereits im Jahr 2012 in den Druckbehältern der Reaktoren entdeckt worden waren. Seitdem tobt ein erbitterter Streit zwischen der belgischen Atomaufsichtsbehörde FANC und Kernkraftgegnern – unter anderem einem Aachener Bündnis – über den Umgang mit den Fehlstellen.
Der Grund: Hersteller Electrabel kann nicht eindeutig nachweisen, zu welchem Zeitpunkt die Risse genau entstanden sind, also bereits während der Herstellung in den 70er Jahren oder erst während des Betriebs der Reaktoren. Man könne aber davon ausgehen, dass sie bei der Herstellung entstanden seien, hieß es stets bei Electrabel und der FANC. Außerdem war bislang völlig unklar, wie die Risse die Stabilität der Druckbehälter beeinflussen. Trotzdem hatte die FANC Electrabel Ende des vergangenen Jahres nach ersten Untersuchungen erlaubt, die Reaktoren wieder ans Netz zu bringen.
Mit neuartigen Ultraschall-Testgeräten habe man dann in diesem Frühjahr allerdings das ganze Ausmaß des Schadens aufgedeckt und die sofortige erneute Abschaltung veranlasst, heißt es bei den zuständigen Regierungsstellen. Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomkraft hatte bereits im März mit großer Empörung reagiert: „Mit der Entscheidungen, die Reaktoren wider besseren Wissens zu starten, hat die FANC das Leben von Millionen Menschen wissentlich gefährdet. Ein so skrupelloses Verhalten ist für eine Aufsichtsbehörde unfassbar.“ Die FANC habe die Warnungen von Experten ignoriert, die sie selbst beauftragt hatte. Diese hätten bereits vor einer größeren Versprödung des Stahls im Druckbehälter gewarnt, erklärte Schellenberg. Im endgültigen Report der FANC, mit dem sie das Anfahren der Reaktoren 2013 wieder freigegeben hatte, tauche dieser Hinweis aber gar nicht mehr auf.
Wie gravierend die Probleme wirklich sind, wurde allerdings erst jetzt bekannt. Denn am Forschungszentrum Mol, das die Beschaffenheit der Druckbehälter sowie die Gefahr untersuchen soll, die von den Rissen ausgeht, haben Experten das Material in den vergangenen Wochen einer extremen nuklearen Strahlung ausgesetzt. Das Ergebnis bestätigt die früheren Warnungen und die Skepsis der Kernkraftgegner: Möglicherweise können die beiden Reaktoren nie wieder ans Netz gehen. Die belgische Energiekrise wird obendrein dadurch verschärft, dass erst vor kurzem auch der Block 4 des Kraftwerks in Doel abgeschaltet werden musste. Vermutlich nach einem Sabotageakt waren 65 000 von 90 000 Litern Schmieröl aus einer Hochdruckturbine ausgelaufen, was zu einer Überhitzung führte.
„Die Situation ist angespannt und wird nach und nach komplizierter, wenn der Winter kommt und die Temperaturen fallen“, sagte Energie-Staatssekretärin Fonck. Ihr früherer Chef, Ex-Energieminister Johan Vande Lanotte, kündigte inzwischen an, auf „Notstromaggregate und Energieeinsparungen zu setzen und Zukäufe aus dem Ausland“ tätigen zu wollen. Ein stillgelegtes Gaskraftwerk könne eventuell reaktiviert werden. Doch er räumte ein, dass die Lage derart „brenzlig“ sei, dass in Belgien wohl durchaus „ein paar Lichter ausgehen“ könnten.
Möglicherweise ist die Ankündigung, sich auf dem europäischen Markt mit Ersatzstrom einzudecken, aber auch nur eine trügerische Hoffnung. Denn immer mehr EU-Länder, die auf Kernkraft setzen, ringen mit gravierenden Schwierigkeiten. In Großbritannien mussten gerade erst vier Meiler vom Netz genommen werden, weil sich Defekte im Kesselsystem bestätigt hatten. Betreiber ist die französische EDF. Sollten sich die Probleme als grundsätzlicher Konstruktionsfehler von Anlagen dieser französischen Bauart herausstellen, müsste Paris zwölf Atommeiler stilllegen. Was das für Folgen haben könnte, lässt sich leicht ausmalen. 2012 stand Frankreich schon einmal vor einem Blackout.
22 Meiler gleicher Bauart
Damit nicht genug. Das niederländische Unternehmen „Rotterdamsche Droogdok Maatschappij“, das inzwischen nicht mehr existiert, hatte die Reaktordruckbehälter hergestellt und außer in Belgien noch 22 weitere Meiler damit ausgestattet, darunter auch deutsche Anlagen. „Sollte Belgien die Reaktoren nicht wieder anfahren können, ist es schwer vorstellbar, dass die Meiler gleicher Bauart einfach weiterbetrieben werden“, hieß es gestern in Brüssel.
Neben Deutschland stehen die Meiler auch in den Niederlanden, Schweden, der Schweiz, Spanien, den USA und Argentinien. Mit anderen Worten: Der europäische Strom-Binnenmarkt gibt längst nicht mehr die Überschüsse her, die freies Einkaufen für Belgien oder andere möglich machen. „Glauben Sie mir: Wir sind gerade ziemlich ratlos“, sagte ein hochrangiges Regierungsmitglied in Brüssel auf Anfrage. „Aber wir müssen einen Weg finden – und ich gäbe viel dafür zu wissen, wie der aussehen könnte.“
„Glauben Sie mir: Wir sind gerade ziemlich ratlos.“
Ein hochrangiges Mitglied der belgischen Regierung

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