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Bei RWE hat die Zukunft begonnen

Der langjährige Kohle- und Atomkonzern setzt voll auf „grüne“ Energie . Die Aufspaltung soll den Absturz des Unternehmens auffangen. Klappt das?
Von Rolf Schraa
Essen. Viele Jahre stand RWE in der ersten Reihe der Kernkraft-Befürworter. Ex-Vorstandschef Jürgen Großmann kokettierte mit dem Etikett „Atom-Dino“, und die klimaschädliche Verstromung von Braunkohle im Rheinischen Revier brachte den Essenern jedes Jahr satte Millionengewinne. Unter dem Druck der Energiewende und der zerbröselnden Börsen-Strompreise ist diese Ära endgültig vorbei.
Gestern startete RWE seine Zukunftsgesellschaft – rund um die intern einst eher belächelte Ökostrom-Sparte. Mit einem Brief von Vorstandschef Peter Terium an alle Mitarbeiter wurde ein neues Kapitel Unternehmensgeschichte aufgeschlagen. „Mit der Neuausrichtung verschaffen wir uns den nötigen Rückenwind“, schrieb Terium. „Der heutige Tag markiert den Startpunkt für zwei starke Unternehmensgruppen unter einem Dach.“
In der neuen Gesellschaft RWE International SE werden ab sofort die erneuerbaren Energien, das Netz- und Vertriebsgeschäft konzentriert. Zum Beginn wechselten gut 3000 Mitarbeiter in das neue Unternehmen. Ihre Arbeitskonditionen blieben dabei gleich, sagte eine RWE-Sprecherin. Am Ende des Umstellungsprozesses soll die Zukunftsgesellschaft mit rund 40 000 Mitarbeitern zwei Drittel der RWE-Belegschaft umfassen.
Hoffnung auf Investitionsmittel
Die Kraftwerke und der Energiehandel bleiben bei der alten RWE-AG, die auch die Mehrheit an der Zukunftstochter behalten will. Der abstürzende Strompreis hatte die Gewinne des Energieriesen in den vergangenen Jahren pulverisiert. Mit der Umstrukturierung will RWE seine „alte“ und die erneuerbare „neue“ Energiewelt besser trennen und hofft auf zusätzliche Investitionsmittel aus einem Börsengang der RWE International. Es ist eine Zeitenwende für den Konzern, auch wenn auf den ersten Blick alles weiterläuft wie gehabt. Die neue Gesellschaft ist weit mehr als eine Mini-Tochter für grüne Paradiesvögel mit ein paar hundert Mitarbeitern.
An den RWE-Standorten ändert sich vorerst nichts. Größere Umzüge sind zunächst nicht geplant. „Jeder bleibt erst mal, wo er ist“, sagt eine Sprecherin. Allerdings plant RWE angesichts des dramatisch niedrigen Börsenstrompreises den weiteren Abbau von etwa 2000 Stellen bis Ende 2018. Wie sich das auf die neue und die alte Gesellschaft verteile, sei bisher nicht absehbar, sagte ein Sprecher.
Der Name ist ein Platzhalter
Nur für den Übergang heißt die neue Firma RWE International SE – ein Platzhalter-Name. Den wird RWE wohl nicht auf Hochhausfassaden und Visitenkarten drucken, denn schon im Sommer kommt der neue, dauerhaft gültige Firmenname – möglicherweise auch mit einer Änderung der Marke RWE. Darüber beraten derzeit die Gremien des nach Eon zweitgrößten deutschen Versorgers.
Verschiedene Namen für die Zukunftsgesellschaft wurden bereits rechtlich geprüft. Darunter ist auch der bisherige Name der 2008 gegründeten Erneuerbaren-Tochter Innogy – eine aus Großbritannien importierte Mischung aus „Innovation“ (Erneuerung) und „Energy“ (Energie).
RWE hat die lukrativen Goldgräberzeiten der Energiewende verschlafen, wie auch Führungskräfte mittlerweile einräumen. Der Erneuerbaren-Anteil an der RWE-Erzeugungskapazität dümpelte lange Zeit bei unter fünf Prozent, während der Konkurrent Eon längst zweistellige Werte vorweisen konnte. Als der Fehler erkannt wurde, fehlten dem hoch verschuldeten Unternehmen Investitionsmittel.
Nur rund eine Milliarde Euro können die Essener derzeit verteilt über drei Jahre in die Öko-Energien pumpen – Eon drei Mal so viel. Genau an dieser Stelle soll die neue Gesellschaft Abhilfe schaffen. RWE will Ende 2016 – je nach Börsenstimmung möglicherweise auch etwas später – zunächst rund 10 Prozent der Aktien der neuen Gesellschaft im Zuge einer Kapitalerhöhung an die Börse bringen. Weitere Schritte könnten später aus dem Aktienbestand – also ohne Aufstockungen – folgen, hat das Unternehmen angekündigt. Das soll RWE einen Sprung nach vorn beim Erneuerbaren-Ausbau ermöglichen.
Lob für das Konzept
Aktionärsvertreter wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) loben das Konzept. Denn anders als Eon bringe RWE nicht die „alte“ Energie, sondern die Zukunftssparten an die Börse. Aktionäre könnten hier ihr Geld in „neue“ Energie stecken ohne Sorge, dass sie damit am Ende nur Atom- oder Kohlealtlasten finanzieren. Andererseits ist schon jetzt das Überangebot an erneuerbarer Energie zumindest auf dem deutschen Markt gewaltig. „Die Energiewende wartet schon lange nicht mehr auf RWE. Der Dinosaurier wird es schwer haben, Fuß zu fassen“, sagt Greenpeace-Branchenexperte Tobias Austrup. Die Essener werden zudem noch viele Jahre mit der teuren Abwicklung der Atomkraft und später der Kohle beschäftigt sein – aktuell etwa mit der Klage vor dem Bundesverfassungsgericht. Das drückt unter anderem auch aufs Image. Da die „alte“ RWE AG angekündigt hat, dauerhaft eine Mehrheit am Zukunftsunternehmen zu halten, wird die „grüne“ Tochter ihre „schwarzen“ Eltern vorerst nicht los. Damit dürfte der neuen RWE-Gesellschaft der Wandel zum Öko-Konzern schwer fallen.
Eon hat sich bereits aufgeteilt
Angesichts rapide sinkender Gewinne teilen sich Deutschlands größte Energiekonzerne Eon und RWE auf. In jeweils zwei getrennten Unternehmen wollen sie das Geschäft mit konventioneller Erzeugung einerseits und Ökostrom andererseits erfolgreicher führen. Gleichzeitig soll die Aufteilung neue Zugänge zum Kapitalmarkt ebnen.
Der Marktführer Eon hat bereits im April 2015 das neue Unternehmen Uniper mit rund 14 000 Mitarbeitern gegründet. Es führt die Gas- und Kohlekraftwerke – also die „alte“ Energie – sowie den Energiehandel. Die deutschen Eon-Kernkraftwerke mussten auf politischen Druck beim Mutterkonzern bleiben. Seit Jahresbeginn 2016 ist Uniper mit Sitz in Düsseldorf selbstständig am Markt tätig. Eon zog nach Essen.
Im Herbst werden den Eon-Aktionären, falls die Hauptversammlung Grünes Licht gibt, entsprechend ihrer Anteile Uniper-Aktien angeboten. Die Aktionäre haben dann genauso viel Wert im Depot wie vorher, aber aufgeteilt auf Eon- und Uniper-Aktien. Eon will bereits im ersten Schritt die Mehrheit abgeben. Etwa drei bis fünf Jahre später will man sich komplett von den Uniper-Anteilen trennen.
„Mit der Neuausrichtung verschaffen wir uns den nötigen Rückwind.“
Peter Terium, RWE-Vorstandschef

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