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Anschlag auf Stromversorgung für den Tagebau_Den Dialog suchen

Niederzier. Ein Feuer an der Stromversorgung hat den Betrieb des Tagebaus Hambach am frühen Sonntagmorgen für mehrere Stunden stillgelegt. Die Staatsanwaltschaft Aachen geht von Brandstiftung aus, der Staatsschutz ermittelt. Dem Täter drohen bis zu zehn Jahre Haft. Wie vor zwei Wochen, als ein Strommast am Tagebau Inden angeschnitten worden war, bekannten sich Unbekannte im Internet zu der Tat. Dort gaben sie sich als „Ortsverband Bündnis 90/die Grünen Kreis Düren“ aus. Der Kreisverband der Grünen distanzierte sich jedoch von dem Verbrechen und erstattete Anzeige.
Unbekannte hatten das Feuer unter einer Kabelbrücke mit über 50 armdicken 30 000-Volt-Leitungen bei Niederzier-Ellen gelegt. Als die Isolierung der Stränge schmolz, kam es zum Kurzschluss. (pan)
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KOMMENTAR
26.04.2016
Schulterschluss gegen Täter am Tagebau wichtig
Patrick Nowicki
Was sich tagtäglich im und am Hambacher Forst abspielt, hat sich schon lange von einer konstruktiven Debatte verabschiedet. Die Fronten zwischen dem Energiekonzern RWE und den Gegnern des Braunkohletagebaus sind dermaßen verhärtet, dass die Eskalationsstufen immer wieder neue Höhen erreichen. Worum geht es aber eigentlich noch? Das Aus des Tagebaus Hambach ist besiegelt, vor dem Jahr 2050 ist dort Schluss mit dem Abbau von Braunkohle. Die aktuelle politische Marschrichtung bestätigt die Umweltverbände: Strom aus Braunkohle gilt nicht als sauber, dieser Industriezweig ist de facto ein Auslaufmodell. Da könnte man doch als Umweltschützer die Hände in den Schoß legen.
Genau das Gegenteil scheint jedoch im Moment zu passieren, denn die Zahl der Sabotageakte auf RWE-Betriebsstätten steigt, das Ausmaß der Anschläge wächst. Man darf jedoch nicht den Fehler begehen, die Täter mit engagierten Menschen, die sich für die Umwelt einsetzen, in einen Topf zu werfen. Die Bürger am Tagebaurand, die Umweltverbände und die Initiativen verfolgen nicht das gleiche Ziel wie die unverbesserlichen Akteure, die unter dem Deckmantel des Umweltschutzes Verbrechen begehen. Daran besteht nämlich kein Zweifel: Wer das Leben anderer riskiert, weil er mit Steinen auf Fahrzeuge wirft, Brände legt oder Strommasten anschneidet, der gehört mit der ganzen Härte des Gesetzes bestraft. Ein Dialog mit diesen Extremisten ist zweck- und sinnlos.
RWE kann es sich allerdings nicht zu einfach machen. Das Unternehmen darf sich nicht an der Schwarz-Weiß-Malerei beteiligen und schmollen. Nicht jeder, der dem Tagebau kritisch gegenübersteht, unterstützt damit die Haltung der sogenannten Aktivisten. Genau deswegen muss RWE-Chef Peter Terium nun das Gespräch aufnehmen. Die Menschen am Tagebau Hambach sind nämlich durchaus dazu bereit, wie das jüngste Schreiben der „Initiative Friedensplan“ an den Konzernchef unterstreicht. Allerdings helfen gegenseitige Schuldzuweisungen nicht weiter. Letztlich muss man sich fragen, was man bei allen gegensätzlichen Meinungen gemeinsam erreichen will: die friedliche Abwicklung der Braunkohletagebaue bei geringster Belastung für die Umwelt. Nicht mehr und nicht weniger.
Was einen kann, ist inzwischen der gemeinsame Gegner dieser demokratischen Debatten: die Täter und deren Unterstützer, die jetzt am Samstag einen Brand am Tagebau Hambach legten. Denn nur der gesellschaftliche Schulterschluss kann Extremisten in ihrem Handeln dämmen. Konkret bedeutet dies für das Rheinische Revier: Politik, Initiativen und RWE müssen gemeinsam Farbe bekennen. Ansonsten liefert man den Tätern weiteren Nährboden.
p.nowicki@zeitungsverlag-aachen.de
Ein Sabotage-Akt legt Hambach lahm
Schon wieder Anschlag auf einen Tagebau . Der Schaden liegt nach Schätzungen von RWE bei mehreren Zehntausend Euro.
Von Jörg Abels
und Patrick Nowicki
Niederzier. Mit einem in dieser Form bislang einmaligen Sabotage-Akt haben Braunkohlegegner in der Nacht zum Sonntag den Tagebau Hambach lahmgelegt. Nach einem Feuer an der Energie-Haupteinspeisung des Tagebaus in Höhe des Kohlebunkers bei Ellen (Gemeinde Niederzier) ging nicht nur an den mächtigen Schaufelradbaggern und Absetzern buchstäblich das Licht aus. Gegen 3.35 Uhr stand der komplette Tagebau still, wie gestern bekannt wurde.
Unbekannte hatten unterhalb einer Kabelbrücke mit mehr als 50 armdicken 30 000-Volt-Leitungen Feuer gelegt. In der Hitze schmolz die Ummantelung der Kabel und sorgte für einen Kurzschluss. Der Brand konnte von der Werksfeuerwehr des Tagebaus Hambach zwar relativ schnell gelöscht werden, sodass keine weiteren Betriebsanlagen in Mitleidenschaft gezogen wurden, die elektrische Lebensader des Tagebaus aber wurde auf einer Länge von mehreren Metern komplett zerstört.
RWE: „Menschenleben gefährdet“
Seit Sonntag sind RWE-Mitarbeiter bemüht, die Stromversorgung Stück für Stück wiederherzustellen. „Den Hauptkohlebagger konnten wir bereits am Sonntagnachmittag wieder in Betrieb nehmen“, sagte RWE-Sprecher Guido Steffen, bis Montagabend sollten drei der acht Gerätegruppen, bestehend je aus einem Schaufelradbagger und einem Absetzer, wieder ans Netz gehen. Bis der Tagebaubetrieb wieder normal läuft, werde jedoch noch einige Zeit vergehen.
Das Problem: Aufgrund des plötzlichen Spannungsabfalls kann es auch zu Schäden an den Großgeräten gekommen sein. Alle elektrischen Anlagen müssten deshalb aufwendig überprüft werden, betonte Steffen. Zur genauen Höhe des entstandenen Schadens konnte das Unternehmen gestern noch keine Angaben machen. Er dürfte sich aber auf mehrere Zehntausend Euro belaufen. RWE verurteilte den Angriff auf die Infrastruktur des Tagebaus Hambach scharf. „Wer Feuer an Stromleitungen legt, gefährdet nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das anderer“, erklärte Guido Steffen.
Während RWE wieder einmal Strafanzeige gestellt hat, haben sich im Internet auf der Seite einer linksautonomen Gruppierung wie schon vor zwei Wochen beim Versuch am Tagebau Inden, einen Strommast zu fällen, Unbekannte unter dem Verfassernamen „Ortsverband Bündnis90/die Grünen Kreis Düren“ zu dem Sabotage-Anschlag bekannt und zu weiteren Blockaden von Baggern und Förderbändern aufgerufen. Astrid Hohn, Sprecherin der Grünen im Kreis Düren, reagierte geschockt auf die Nachricht, dass der Name des Kreisverbands missbraucht wurde. Sie stellte gestern ihrerseits Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Polizei. „Wir sind zwar für den Ausstieg aus der Braunkohle, verurteilen aber jede Form von Gewalt“, betonte Hohn auf Anfrage unserer Zeitung. „Ich kenne niemanden aus dem Umfeld der Dürener Grünen, der eine solche Aktion gutheißen oder selbst durchführen würde.“
In den vergangenen Monaten waren Anlagen von RWE immer wieder Ziel von Angriffen gewesen. Anfang des Jahres kam es laut RWE zu mehr als 50 Straftaten. Anschließend ebbte die Welle jedoch ab, erreichte aber vor zwei Wochen eine neue Eskalationsstufe: Ein Unbekannter sägte einen Strommast an, rühmte sich anschließend im Internet der Tat und rief zum Widerstand auf. Der Unbekannte rechtfertigte seine Tat mit den Worten: „Ich war mir der Risiken für mich bewusst, halte es aber für nötig, zu drastischen Mitteln zu greifen im Kampf für eine bessere Welt.“ Auf der gleichen Internetseite, die dem linksradikalen Spektrum zugeordnet wird, schrieben nun die mutmaßlichen Brandstifter vom Wochenende über ihre Tat.
Die Staatsanwaltschaft Aachen geht von vorsätzlicher Brandstiftung aus. „Das Ausmaß und die äußeren Umstände lassen keine anderen Rückschlüsse zu“, sagt Sprecherin Katja Schlenkermann-Pitts. Bei Brandstiftung drohen bis zu zehn Jahren Haft. Sollten Menschenleben gefährdet gewesen sein, kann man auch wegen schwerer Brandstiftung mit bis zu 15 Jahren Haft verurteilt werden.
Wie in Inden wurde auch diesmal der Staatsschutz eingeschaltet. Eine Gruppe mit Ermittlern aus den Polizeipräsidien Aachen, Düren und Köln (für den Rhein-Erft-Kreis) sucht nach den Tätern. Derzeit liegen keine Erkenntnisse vor, ob es sich um einen Einzeltäter oder eine Tätergruppe handelt. Es gibt auch keine Belege dafür, dass die Täter von Inden und die Täter von Hambach identisch sind.
RWE will noch nichts zu Konsequenzen nach dem erneuten Sabotage-Akt am Tagebau Hambach mitteilen. „Wir sind im Moment damit beschäftigt, dass der Tagebau Hambach wieder voll in Betrieb geht“, sagt Guido Steffen. Dies habe in der aktuellen Situation Vorrang. Der Tagebau beliefert die Kraftwerke Frimmersdorf, Neurath und Niederaußem mit Braunkohle. Die Stromproduktion sei laut Steffen zu keiner Zeit gefährdet gewesen. Selbst wenn der Tagebau Hambach länger ausgefallen wäre, gebe es ausreichende Mechanismen, die Energieversorgung zu sichern.
Nicht nur die Gegner der Braunkohleverstromung machen mit Aktionen auf sich aufmerksam: Am vorigen Samstag fand eine Kundgebung der Initiative „Unser Revier – unsere Zukunft“ in Elsdorf statt. Zudem hat sich die „Initiative Friedensplan“ gegründet, die den Konflikt zwischen Braunkohlegegnern und Unternehmen beilegen will.  ▶ Kommentar Seite 2
Brief der „Initiative Friedensplan“ verlangt von RWE Bereitschaft zum Dialog
Die „Initiative Friedensplan“ fordert in einem Schreiben RWE-Chef Peter Terium auf, sich für eine „Dialogbereitschaft“ und ein „Aufeinander-Zugehen“ einzusetzen. Das Bündnis, dem Umweltverbände, christliche Organisationen, Parteien und Bürgerinitiativen angehören, stützt sein Schreiben auf den Friedensplan, den der Landrat des Kreises Düren, Wolfgang Spelthahn, und der Vorsitzende der Kreistagsfraktion der Grünen, Bruno Voss, Ende Januar vorgestellt haben.
Unzufrieden ist die Initiative mit der Reaktion des Energiekonzerns. In dem Schreiben heißt es: „RWE brach das stillschweigende Stillhalteabkommen mit massiven Baumfällarbeiten.“ Ein Vorwurf lautet, dass Aussagen des Konzerns mit „persönlichen Angriffen durchsetzt“ seien. Der RWE-Power-Vorsitzende Matthias Hartung habe zudem trotz Bitte zunächst nicht auf ein Positionspapier der Initiative reagiert. „Wir bitten Sie, positiv auf RWE einzuwirken, um weitere Eskalationen zu vermeiden“, schreibt die Initiative.
Den Brief gibt es etwa hier
www.buirerfuerbuir.de

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