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Aachen_Hambach – „bis zum letzten Baum“

Andreas Magdanz hat mit Studenten den vom Tagebau bedrohten Wald fotografiert , auch um den Aktivisten eine Bühne zu geben
Von Madeleine Gullert
Aachen. Der Fotograf Andreas Magdanz setzt sich in seiner Arbeit stets mit kontroversen Orten auseinander, zum Beispiel Vogelsang. Aber auch der Hambacher Forst, der dem Tagebau weichen muss, beschäftigt den 52-Jährigen schon lange. Seit einem Jahr fotografiert er mit seinen Studenten das Verschwinden des Waldes. Magdanz ist Professor für Fotografie an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hildesheim und an der RWTH Aachen. Die Ausstellung „Hambacher Forst, eine forensische Bestandsaufnahme“, die im Rahmen von einer Kunstaktion entstanden ist, wird ab morgen in Aachen gezeigt. Magdanz verrät schon jetzt: Zu sehen ist ein Mobile aus 2500 Bildern. Jeder Besucher kann sich da „gerne“ ein Bild „gegen eine kleine Spende“ mitnehmen.
Herr Magdanz, was fasziniert Sie am Hambacher Forst?
Magdanz: Ich bin seit 37 Jahren an dem Thema dran. Als junger Mann habe ich miterlebt, wie ein einziger Mann Widerstand geleistet hat, als sein Haus abgerissen werden und dem Tagebau Platz machen sollte. Er hat jahrelang direkt gegenüber der Grube gelebt und wollte da bleiben. Als er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgeholt und sein Haus samt Inventar abgerissen wurde, hat mich das schockiert. Zumal wir im Familienkreis bei Festen gern mal RWE-Obere hatten, die sich unter anderem über die Qualität von Golfplätzen auf Marbella unterhielten. Auf Kosten der Landbevölkerung bereicherte man sich. Ganze Dorfgemeinschaften wurden pulverisiert.
Was war das Ziel Ihrer Kunstaktion?
Magdanz: Neben dem Formalismus, der Theorie, geht es vor allem um die Vermittlung von Inhalten. Ich wollte den Studenten ein interessantes Thema vermitteln. Die Idee war, sich in Anlehnung an die Polizeiaufmärsche durch den Wald vorzuarbeiten. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln haben die Studenten eine Art Bestandsaufnahme des Forsts gemacht. Aber ich wollte gleichzeitig den Baumbesetzern im Hambacher Forst eine Bühne geben.
Warum liegt Ihnen das am Herzen?
Magdanz: Ich möchte eine Lanze für die Besetzer brechen – die sechs bis acht Menschen, die dort seit Jahren dauerhaft in Baumhäusern leben, sich vegan ernähren. Also, ich habe noch nie so eine friedliche Gemeinschaft erlebt wie dort. Und ich glaube, dass mit den Menschen falsch umgegangen wird. Wenn man mit Hundertschaften gegen diese kleine Gruppe vorgeht, irritiert mich das. Die Exekutive sät damit Gewalt.
Am Wochenende hat es einen Sabotage-Akt gegeben. Unbekannte haben in Hambach Kabel angebrannt. Finden Sie das legitim, für die Sache?
Magdanz: Tja, das ist die Gretchenfrage. Ich finde Anschläge auf Kabel oder auch auf Polizeiautos nicht gut. Auf der anderen Seite war ich vor zwei Monaten beim Abriss einer Kirche im Ort Morschenich dabei, der dem Tagebau weichen muss. Das ist eine von vielen Kleinigkeiten im Prozess der Vernichtung von Kultur- und Naturdenkmälern. Wenn man das aber in Relation zu einem abgebrannten Kabel setzt, ist das doch grotesk.
Sie sind aber radikal.
Magdanz: Wenn ich wüsste, dass wir den Strom des Tagebaus dringend bräuchten, für Menschen, für Krankenhäuser, dann wäre das eben ein hoher Preis, den wir zahlen müssten. Aber es ist unnötig, den Hambacher Forst zu zerstören. Ich muss ganz klar sagen: Das System RWE und die damit verbundene Politik – von der Landesebene über die regionale bis zur lokalen Politik – sind die, die hochgradig kriminell handeln.
Viel Aufsicht auf Erfolg hat der Kampf der Aktivisten aber nicht.
Magdanz: Es ist bewundernswert, dass die Aktivisten ihr Leben riskieren. Ich fürchte jedoch, dass Menschen zu Schaden kommen. In der nächsten Rodungssaison von RWE steht der letzte Waldzipfel auf dem Spiel. Ich werde diese Auseinandersetzung bis zum letzten Baum begleiten. Jeder sollte in den Hambacher Forst gehen, sich das mal anschauen. Nur dann kann man etwas bewirken.
Und warum machen wir das dann nicht? Sind wir zu gleichgültig?
Magdanz: Ich will mich nicht als kluger Professor aufspielen. Aber für Hölderlin, für Brecht und viele andere deutsche Literaten war der Wald einmal der Sehnsuchtsort. Aber die Deutschen sind nicht mehr das Land der Dichter und Denker. Wir sind eine tumbe Masse geworden, mürbe. Es sei denn, wir fürchten persönlichen Schaden. Ich freue mich, wenn ich in der Region Plakate gegen das Atomkraftwerk Tihange sehe, aber auch Hambach ist vor der Haustür. Die Menschen sollten etwas weniger eigennützig sein.
Möchten Sie die Welt verbessern?
Magdanz: Oh ja. Tatsächlich habe ich mir sogar überlegt, in die Politik zu gehen. Mit der Fotografie stößt man an Grenzen. Ich bin Anfang 50. Irgendwas muss noch passieren.
Ausstellung in Aachen
wird morgen eröffnet
Am Freitag wird die Ausstellung „Hambacher Forst, eine forensische Bestandsaufnahme“ um 19 Uhr in der Nadelfabrik, Reichsweg 30 in Aachen, eröffnet. Die Ausstellung ist bis 13. Mai zu sehen: Sa. und So. 11 – 16 , Mo. – Fr. 9-15 Uhr.

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