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Freitag 28.10.2016
Dürener Nachrichten / Titel Düren / Region und NRW / Blickpunkt / Seite 1,2 und 9
GAU in Tihange hätte fatale Folgen
Keine Anklage, bitte!
Tihange-Widerstand wächst

Thiange Radius

GAU in Tihange hätte fatale Folgen
Bei einem Reaktorunfall in dem umstrittenen belgischen Meiler könnte das gesamte Rheinland verstrahlt werden, heißt es in einer Studie. Im schlimmsten Fall drohen Szenarien wie in Tschernobyl oder Fukushima.

VON RENÉ BENDEN
Aachen. Im Falle eines katastrophalen Unfalls im belgischen Kernkraftwerk von Tihange, bei dem große Mengen Radioaktivität aus dem Reaktor entweichen, könnten weite Teile des Rheinlandes starker nuklearer Strahlung ausgesetzt werden. Das geht aus einer Studie des Instituts für Sicherheits- und Risikoforschung der Universität Wien hervor, die gestern in Aachen von Wolfgang Renneberg vorgestellt wurde. Renneberg gilt als international renommierter Spezialist für Reaktorsicherheit.
Die Studie hat untersucht, wie sich eine radioaktive Wolke nach der Havarie eines Tihange-Reaktors verhält. Grundlage waren auch die Daten von rund 3000 repräsentativen Wettersituationen. Die Untersuchungen zeigen, dass die Region Aachen mit 30-prozentiger Wahrscheinlichkeit von erhöhter Strahlung betroffen wäre. Mindestens dreimal höher als der zugelassene Grenzwert ist in diesem Fall die radioaktive Dosis, die langfristig vom kontaminierten Boden eines gesamten Landstriches ausgeht. Selbst in Düsseldorf und Köln ergebe sich je nach Wetterlage noch die zehnprozentige Wahrscheinlichkeit, von ähnlich hoher Strahlung betroffen zu sein.
Als Folge eines solchen GAUs müssten die Bewohner in ihren Wohnungen ausharren, bis sich die radioaktive Wolke verzogen hat. Die herabgesunkenen radioaktiven Staubpartikel, die sich in der Landschaft verteilen, blieben aber ein langfristiges Problem, das zu schwerwiegenden gesundheitlichen Belastungen für die Bevölkerung führen könnte.
Die Studie skizziert aber auch noch weitaus dramatischere Szenarien. So sei nicht auszuschließen, dass bei ganz ungünstigen Umständen die Region Aachen der gleichen Strahlenbelastung ausgesetzt wäre wie die Regionen von Tschernobyl und Fukushima. Dann würden große Teile der Region langfristig unbewohnbar werden.  ▶ Kommentar Seite 2; Seite 9

KOMMENTARE
28.10.2016
Keine Anklage, bitte!
Das Problem Tihange ist nur mit Belgien zu lösen
René Benden
Die Region ist im Fall eines katastrophalen Unfalls im AKW von Tihange der akuten Gefahr ausgesetzt, radioaktiv verseucht zu werden. Das schlimmste Szenario skizziert einen unbewohnbar gewordenen Landstrich. Eine geordnete Evakuierung in diesem Fall kann es nicht geben, weil die Reaktionszeit zu gering ist.
So erschreckend die Aussagen, die gestern ein international anerkannter Fachmann getroffen hat, auch klingen mögen – überraschend sind sie nicht. Vielmehr manifestieren sie die gefühlte Bedrohungslage, der sich viele Menschen in der Grenzregion schon länger ausgesetzt sehen. Um Sensibilität für die möglichen Gefahren bei Reaktorunglücken zu schaffen, war diese Studie also nicht mehr nötig. Was also soll sie bezwecken?
Der Städteregionsrat Helmut Etschenberg hat mit seinem Handeln gegen die problematischen belgischen Reaktoren sowohl für sich selbst wie auch die Städteregion Aachen ein bedeutungssteigerndes Thema gefunden – und bei der Mobilisierung der Menschen tatsächlich schon viel erreicht. Allerdings genießt der Fall Tihange abseits des regionalen politischen Parketts kaum Aufmerksamkeit. Das nun wissenschaftlich unterlegte Bedrohungsszenario, das quasi das gesamte Rheinland mit einschließt, ist die ultimative Aufforderung, sich des Problems endlich auf Bundes- und EU-Ebene anzunehmen. Denn nur dort kann das Problem auch gelöst werden – indem man beispielsweise versucht, die Versorgungssicherheit Belgiens zu gewährleisten, ohne das Land in verzwickte Abhängigkeitsverhältnisse zu treiben.
Bei allem nachvollziehbaren Druck, der nun aufgebaut wird, sollten sich jedoch alle Akteure diesseits der Grenze davor hüten, mit anklagenden Gesten Richtung Belgien zu zeigen. Denn schon heute redet man in Belgien gerne von einer „deutschen Inszenierung“, wenn man das Thema Tihange anspricht.
Auf Wohlwollen angewiesen
Nicht vergessen sollte man auch, dass nach EU-Recht sowohl die Energieversorgung als auch das Thema Reaktorsicherheit rein nationale Kompetenzen sind. Es ist nach derzeitigem Stand davon auszugehen, dass der Betreiber Electrabel nach belgischer Rechtsprechung nichts Verbotenes tut. Insofern birgt das Handeln der Städteregion, bekannte Szenarien noch bedrohlicher zu machen, gewisse Risiken. Denn ohne belgisches Wohlwollen, ändert sich gar nichts. Wenn man also aus deutscher Sicht in Belgien etwas verändern möchte, kann man sich keine ablehnende Stimmung leisten.
r.benden@zeitungsverlag-aachen.de
TIHANGE
28.10.2016

Tihange-Widerstand wächst
Die regionale Politik fühlt sich durch eine neue Studie in ihren Bedenken gegenüber dem belgischen Kernkraftwerk bestärkt. Doch was kann man tun , ohne nicht doch irgendwann Panik zu verbreiten?
Von René Benden
Aachen. Der 15. Februar 1995 hätte zum schwärzesten Tag für die gesamte Region werden können. Wäre es in den späten Morgenstunden dieses Februartages zur Explosion des Reaktorbehälters 2 im belgischen Kernkraftwerk Tihange gekommen, wäre die Region Aachen wahrscheinlich noch heute unbewohnbar. Die Wetterlage an diesem Tag – eine spezielle Südwestströmung – war so ungünstig, dass sich die in Tihange freigesetzte Radioaktivität in extremer Form über der Region abgelagert hätte. Auch Metropolen wie Düsseldorf und Köln wären schwer getroffen worden. So steht es in einer gestern veröffentlichten neuen Studie. Angefertigt in einem renommierten Fachinstitut der Universität Wien, geschrieben von anerkannten Experten für Reaktorsicherheit.
Doch glücklicherweise ist Tihange 2 an jenem Tag nicht explodiert, und auch die Wetterlage vom 15. Februar 1995 hat sich in dieser Form nicht exakt so noch einmal wiederholt. Womit man beim Dilemma bislang aller Untersuchungen und Studien zu den umstrittenen belgischen Kernkraftwerken gekommen wäre. Denn eine unumstößliche Einschätzung, wie gefährlich die Meiler in Tihange und Doel nun tatsächlich sind, gibt es nicht – auch nicht nach dem gestrigen Tage.
Aus Sicht der politischen Vertreter der Städteregion reichte allerdings das, was ihnen gestern vorgestellt wurde, um sich parteiübergreifend darauf zu einigen, dass man die Bemühungen intensivieren muss, damit vor allem in Tihange die Blöcke abgeschaltet werden. Darüber hinaus müsse die Bevölkerung auf das Schlimmste vorbereitet werden, damit sie sich wirksam schützen könne. „Ich habe keinen Zweifel daran, dass Sie als politische Vertreter nun häufig darauf angesprochen werden, wie man sich wirksam schützen kann. Darauf müssen Sie vorbereitet sein“, sagte Städteregionsrat Helmut Etschenberg.
Und so geriet die Sitzung des Städteregionstags zeitweise zum Crashkurs: „Wie verhalte ich mich beim Super-GAU richtig?“ Pathologe Alfred Böcking vom Verein „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ empfahl unter anderem flächendeckend Staubschutzmasken zu verteilen, und im Falle der Katastrophe nicht panisch zu fliehen, sondern zu Hause zu bleiben, um sich nicht unnötig der Radioaktivität auszusetzen.
Dennoch rechne er nach einem schweren Unfall in Tihange mit rund 1000 zusätzlichen Krebstoten jährlich. Den Schulen käme ebenfalls eine große Verantwortung zu. Auch dort müssten Jod-Tabletten vorrätig sein, damit sie rechtzeitig an die Schüler verteilt werden könnten. „Sie können doch nicht ihr Kind durch den Fallout laufen lassen und ihm dann erst Jod geben“, appellierte Böcking. Und während Beamer auf die Leinwände des Sitzungssaales Bilder von schwer missgebildeten Kindern projizierten, wurde dem ein oder anderen Zuhörer klar, dass sich die Städteregion auf einen schmalen Grad zwischen entschlossenem Handeln und Aktionismus begeben hat, auf dem zumindest die Gefahr besteht, unbegründete Panik zu verbreiten.
Einmal mehr wurde aber auch deutlich, dass die diffuse Bedrohungslage durch belgische Kernkraftwerke eine immer breitere Öffentlichkeit umtreibt. Dass Alemannia Aachen das Spiel gegen den 1. FC Köln II am 12. November dem Tihange-Widerstand widmet, indem beide Teams mit dem Schriftzug „Stoppt Tihange“ auflaufen, mag dafür nur ein prominentes Beispiel sein. Diese wachsende Bewegung wertete nicht nur Etschenberg als Auftrag der Öffentlichkeit an die Politik, sich für ein Ende der alten Kernkraftwerke auf belgischem Boden einzusetzen.
Regionale Bemühungen alleine werden nicht zum Erfolg führen. Das wissen auch die Politiker im Städteregionstag. Aus diesem Grund appellierte Etschenberg: „Das ist ein deutsches Problem.“ Selbst Städte wie Hannover und Bremen würden im Falle einer Tihange-Katastrophe betroffen sein. Da könne der Bund nicht länger ruhig zugucken. Die nächsten Wochen werden zeigen, wer sich noch in die Diskussion einschaltet.

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