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1500 Menschen bei Demo gegen Tihange_ Anweisungen von offizieller Seite abwarten

Lüttich/Aachen. Rund 1500 Menschen sind gestern Abend in Aachen gegen die Wiederinbetriebnahme der umstrittenen belgischen Atomanlage Tihange auf die Straße gegangen. Nach einem Brand soll Reaktorblock 1 voraussichtlich erst am Samstag wieder ans Netz gehen. Das berichtet die belgische Nachrichtenagentur Belga. Der Reaktor sollte eigentlich bereits in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch wieder anfahren. Tihange liegt nur etwa 60 Kilometer von Aachen entfernt. Tihange 1 hatte sich nach dem Brand in einer Schalttafel im nicht-nuklearen Bereich der Anlage am Freitag automatisch abgeschaltet. Die Atom-Anlagen werden in Deutschland heftig kritisiert. (red)
Mi, 23. Dez. 2015


Wieder-Inbetriebnahme von Reaktoren in Tihange: Besorgnis vor nuklearem Unfall. Landkreis entwickelt Notfallplan, Apotheken verkaufen Jodtabletten.
Manfred Kämper
Ich bin erstaunt, dass sich die deutsche Politik so ohnmächtig stellt. Es ist für mich unverständlich, dass man nicht mehr Druck auf den Betreiber ausübt, und natürlich bin sehr besorgt über die Entwicklungen in Tihange.
Dorothea Modrock
Meiner Meinung nach sollte man das AKW Tihange abschalten. Aber dabei ziehen nicht alle EU-Staaten an einem Strang. Bisher habe ich selbst noch nicht überlegt, mich privat mit Jod-Tabletten einzudecken.
Tim Müller
Ich verfolge die Entwicklungen in Tihange natürlich, denn ein Störfall würde uns alle betreffen. Es sollten mehr Kontrollen des Atomkraftwerks von Seiten der Regierung geben. Insgesamt hoffe ich einfach mal, dass sie wissen, was sie tun.
Andrea Burggraef
Ich bin besorgt und finde, dass zumindest Nachbarstaaten wie Deutschland an der Kontrolle der Reaktoren beteiligt werden sollten. Jod besorge ich mir erst mal noch nicht. Ich verlasse mich auf den Katastrophenschutz.
Beate Delsemmé
Die Entwicklungen bereiten mir Sorge, weil die Reaktoren trotz Bedenken von Fachleuten hochgefahren wurden. Von belgischer Seite wünsche ich mir Transparenz. Jodtabletten habe ich nicht, denn im Zweifelsfall helfen die auch nicht.
Karl Schurwanz
Tihange muss zugemacht werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ungefährlich ist, und bei einem Unfall sind wir als erstes mit dran. Die deutsche Politik müsste dem Betreiber ein wenig mehr Druck machen.
Von Ines Kubat
Düren. Was, wenn es zu einem nuklearen Unfall kommt? Was, wenn der Supergau eintritt? Diese Besorgnis treibt viele Menschen in unserem Grenzgebiet um, seitdem Mitte Dezember Reaktor 2 des umstrittenen belgischen Atomkraftwerks Tihange nach einer knapp anderthalbjährigen Stilllegung wieder angefahren wurde: Trotz Tausender feiner Haarrisse im Reaktordruckbehälter und trotz massiver Sicherheitsbedenken gerade von deutscher Seite. Die Betreiberfirma Electrabel stuft die Reaktoren dennoch als sicher genug ein und hält auch nach dem Brand am vergangenen Freitag im Reaktor 1 an dieser Aussage fest.
Tihange bei Lüttich ist knapp 60 Kilometer von Aachen entfernt, knapp 90 Kilometer sind es bis Düren. In Aachen und der Städteregion ist der Protest groß: Städteregionsrat Helmut Etschenberg zieht rechtliche Schritte gegen Electrabel in Betracht, Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp fordert klipp und klar die Abschaltung und in Aachen gingen gestern viele Bürger gegen den Weiterbetrieb von Tihange auf die Straße.
Sollte tatsächlich der Fall eines nuklearen Unfalls eintreten, ist die gesamte Grenzregion betroffen. Die radioaktive Wolke wäre laut Experten in knapp drei Stunden in Aachen und kurz darauf auch in Düren. Im Kreis Düren will man im kommenden Jahr bei der nächsten Konferenz mit den Bürgermeistern aller Kommunen einen konkreten Notfallplan erarbeiten.
Verteilung der Jodtabletten
Dabei geht es auch um die Verteilung der Jodtabletten, die Menschen im Umkreis von 100 Kilometern um den Reaktor nach dem nuklearen Unfall einnehmen können. Das „gesunde“ Jod soll die Schilddrüsen-Rezeptoren so blockieren, dass kein radioaktives Jod eindringen und zu Schilddrüsenkrebs führen kann, erklärt Felix Zimmermann, Sprecher der Apotheken im Kreis Düren.
In Aachen überlegt man, bereits prophylaktisch Jodtabletten in Schulen und Kindergärten einzulagern, hieß es aus dem dortigen Rathaus. Und auch der Kreis Düren bereitet sich vor: „Die Tabletten haben wir schon eingelagert“, sagt Pressesprecher Josef Kreutzer. Wie viele es genau sind und für welche Altersgruppen das Jod vorrätig sei, konnte er bislang nicht sagen. Auch was den Ablauf der Verteilung angeht, müssen sich besorgte Bürger noch bis nach den Gesprächen mit den Kommunen gedulden.
Und dennoch: „Die Ruhe für die Feiertage ist nicht gewährleistet“, findet auch Zimmermann: Die Bevölkerung sei „natürlich sensibilisiert.“
Wer sich deshalb privat mit Jodtabletten eindecken möchte, könne sich an örtliche Apotheken im gesamten Kreis wenden, erklärt Zimmermann. Die allermeisten hätten sich bereits im Vorfeld gut eingedeckt. In Aachen gebe es bereits einen großen Zulauf, und auch im Kreis Düren steige die Nachfrage. Allerdings warnt Zimmermann davor, leichtfertig mit dem Medikament umzugehen, das nicht verschreibungspflichtig ist. Denn zunächst einmal handele es sich nicht um normale Jodtabletten, sondern um speziell für einen nuklearen Unfall entwickelte Präparate. Deren Dosierung sei tausend mal so hoch wie bei herkömmlichen Jodtabletten gegen ein Schilddrüsenleiden.
„Nicht eigenmächtig handeln“
Außerdem müssten die Dosierungsanweisungen für die verschiedenen Altersgruppen beachtet werden, sagt Zimmermann: Säugling, Kindern, Erwachsenen bekämen verschiedene Mengen verabreicht. „Für Menschen ab 50 Jahren werden die Tabletten in der Regel auch gar nicht mehr empfohlen“, erklärt Zimmermann. Denn ab dem Alter könnten sie zu unerwünschten Nebenwirkungen führen. Gleichzeitig sinke das Risiko, dass radioaktives Jod die Schilddrüse schädige.
Drittens sei es wichtig, „nicht eigenmächtig zu handeln, sondern auf konkrete Anweisungen von offizieller Seite“ zu warten, bevor man die Tabletten schluckt. Denn auch „der falsche Zeitpunkt der Einnahme kann den Schutzeffekt mindern“, sagt der Apotheker mit Nachdruck.
Die Kosten pro Packung lägen zwischen fünf und zehn Euro. Weitere Infos erteilt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf seiner Homepage.

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